Sonntag, 11. August 2013

Zum Schluss

Und dann war es auch schon wieder vorbei. Vor genau 101 Tagen verliess ich Genf in Richtung Sevilla, und bereits ist meine Zeit in Cádiz vorüber. Um zu verhindern, dass dieser Eintrag als ermüdende, sentimentale Ode auf Spanien endet, verzichte ich auf eine umfassende Revue, schaue vorwärts und frage: Was bleibt?
Ich wurde gegen Ende des Aufenthalts oft gefragt, ob mich diese Reise verändert habe. Offen gestanden: Keine Ahnung. Sicher habe ich nicht nur Spanisch gelernt, sondern auch Neues über fremde Kulturen, Menschen, Gebräuche. In irgendeiner Weise hat das meine Weltansicht sicher beeinflusst und bereichert. Inwieweit werde ich wohl dann mit der Zeit herausfinden.
Was bleibt? Kontakte in alle Welt, von Amerika bis Japan, von Norwegen bis Spanien. Wie viele Leute ich durch die Sprachschule kennengelernt habe, wird mir immer deutlicher bewusst. Ich hoffe, dass ich von diesen Beziehungen für kommende Reisen profitieren kann. Nebst den vielen Freundschaften, die entstanden sind und diesen Aufenthalt erst zu dem gemacht haben, was er geworden ist, ist es nie schlecht, bekannte Personen in einem fremden Land zu wissen. Denn auch meine Reiselust wurde durch die 14 Wochen hier nicht gestillt, sondern angefacht. Wohin es als nächstes gehen soll, steht noch in den Sternen - zuerst werde ich mich ohnehin zuhause einfinden müssen. Die Essenszeiten, der "ritmo de la noche", der ganz allgemeine Alltag. Kein alltäglicher Strandbesuch mehr, und die Schüpfer Badi wird mir, jetzt wo ich mir etwas Wellengang gewohnt bin, wohl einigermassen lahm vorkommen. Gut, immerhin hat sie im Gegensatz zum Atlantik eine Rutsche und ein Dreimeterbrett.
Und dann bleiben natürlich die unzähligen Erinnerungen, einige festgehalten auf Fotos, die ich wohl mindestens ein halbes Jahr nicht mehr ansehen werde, bis ich dann vielleicht per Zufall auf sie stosse und ein paar Erinnerungslücken schliesse. An die Zeit hier werde ich in den kommenden Wochen noch oft zurückdenken, und ganz vergessen werde ich sie nie.
Doch ist meine Reise mit diesem Eintrag vorüber? Noch nicht ganz, noch erwartet mich mein letztes Abenteuer in Spanien. Am nächsten Mittwoch mache ich mich auf, um alleine - wie ich die Reise startete - die drei grössten Städte Spaniens zu erkunden. Zuerst nach Madrid, von da nach Valencia und am Schluss nach Barcelona wird mich die Reise führen. Von dort aus geht mein Flieger, der mich am 22. August - auf den Tag genau 16 Wochen nach meinem Abflug aus der Schweiz - nach Genf bringen wird.
Und nun bleibt nur noch eines, und das ist der Dank an euch Leser für das Interesse an diesem Blog. Ich hoffe, ich konnte ein paar Erfahrungen vermitteln und vielleicht auch ein bisschen Reiselust wecken. Natürlich haben es längst nicht alle Geschichten und Erlebnisse hierher geschafft, und von der kommenden Woche werde ich gar keine Einträge machen. So freue ich mich darauf, euch bald persönlich wiederzusehen, und zu erfahren, was ich denn so alles verpasst habe, hier im Ausland.
 iMuchas graçias y hasta luego! Nos vemos en Suiza. 

Mittwoch, 31. Juli 2013

Das Land gegenüber

Warum eigentlich nicht?
Warum nicht noch schnell den Kontinent wechseln, das Wochenende in Marokko verbringen, und noch einmal eine völlig neue Gegend erkunden, wenn sich schon die Gelegenheit bietet? Gerade jetzt, wo sich mein Aufenthalt wirklich dem Ende zuneigt, war mir die Abwechslung herzlich willkommen.
Marokko ist so nah von Spanien, und doch zeigen sich die Unterschiede klar. Ein paar Flaggen an Gebäuden zeugen noch von der Zeit, als einige Gebiete Marokkos in spanischer Hand waren, doch die Kultur ist ganz klar die arabische. Die Marokkaner sind stolz auf ihr Land, ihre Geschichte und ihre Kultur, das merkt man bald. So war es unserem Reiseführer auch wichtig, nicht eine total oberflächlich touristische Exkursion zu halten, sondern uns das authentische Marokko zu zeigen. Und Hauptbestandteil dieses Marokkos sind die Märkte.
Wahrlich wie im Film kommt man sich vor, wenn man in den engen Gassen der Altstädte von Tetuan oder Tanger flaniert. Quasi Kopf an Kopf stehen da die Verkäufer und Händler und preisen ihre Waren an. In Tetuan besuchten wir den Markt mit den Lebensmitteln und Esswaren. Interessanter als das Meiste, das da angeboten wird, ist der Geruch. Jede Nase voll enthält andere Noten, wobei man froh ist, wenn Gemüse oder Gewürze Fisch oder Fäkal ablösen. Nicht unbedingt die Adresse, wo man sich die Zutaten fürs Abendessen einkaufen möchte - die unzähligen Katzen, die in den Strassen herumstreunen, bestätigen diesen Eindruck.
Selbstverständlich verkaufen sich an den Märkten nicht nur  Esswaren, viel wichtiger erscheint die Textilindustrie. Die Vielfalt an Schals, Decken, Kleidern, Röcken und Lappen ist unglaublich. Jeder Händler preist seine Ware als die beste und billigste an (alles hausgemacht, selbstverständlich) und versucht, den Touristen in seinen Laden zu locken. Tatsächlich hat es Produkte, die man zumindest als Geschenk gut gebrauchen könnte. Dennoch ist ein bisschen Vorsicht geboten. In einem Laden, in dem die Webmaschine angeberisch im Raum stand, wies der erste der Schal, den ich betrachtete, das Etikett "made in India" auf. Ich hab dann nichts gekauft.
Vielleicht war es ein Vorteil, dass wir das muslimische Land während des Fastenmonats Ramadan besuchten. Die Leute essen und trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts, und viele erschienen mir, als ob sie Energie sparen wollten. Daher waren die meisten Verkäufer auch nicht allzu aufdringlich, jedenfalls nicht, bis es ans Zahlen ging und das obligate Verhandeln um den Preis losging.
Marokko, ist ein schönes Land - was ich gesehen habe, hat mir sehr gefallen. Vor allem war ich ob den vielen Bergen, Wäldern und Grünflächen überrascht. Die Leute geben sich grosse Mühe, die Städte wenigstens oberflächlich gepflegt aussehen zu lassen, und bei der Durchfahrt würde man von der oft mangelnden Hygiene im Innern der Städte nichts merken. Ausserhalb der Städte kann sich zuweilen ein anderes Bild bieten, wie ich spätestens auf der Reise ins Dorf Chefchaouen feststellen musste. Der kleine Ort liegt inmitten einer schönen Berglandschaft, die mich sehr ans Tessin erinnert hat. Umso befremdlicher empfand ich die Wiese, die fast flächendeckend mit Papier-, Plastik- und Abfallsäcken übersät war. Wie der Müll seinen Weg dahin gefunden hat, bleibt mir ein Rätsel.
Ich habe von dem Land nur drei Städte gesehen, die sich auch noch sehr im Norden befanden und daher wohl mehr europäischen Einfluss erlebt haben, als es weiter südlich der Fall gewesen wäre. Dennoch hat mir mein Besuch eine von der unseren sehr verschiedene Kultur näher gebracht, und nicht zum ersten Mal in den letzten 12 Wochen habe ich mir gedacht: "Hier bin ich nicht das letzte Mal gewesen."

Dienstag, 23. Juli 2013

Auf dem Brett

Noch selten hat Versagen so Spass gemacht.
Drei Wochen bleiben mir in Cádiz, bevor ich meine kleine Reise durch Spanien antrete, und dann geht's auch schon wieder nach Hause. In einem Monat bin ich bereits in der Schweiz. Schmerzhaft plötzlich realisiert man, wie wenig Zeit das eigentlich ist. Die Tage verrinnen nicht, sie verfliegen, und Woche für Woche erscheint es unglaubwürdiger, wie schnell alles geht. Damit beginnen die Fragen: Habe ich die Zeit auch angemessen genutzt? Hätte es nicht noch mehr zu sehen, entdecken, erleben gegeben? Habe ich etwas verpasst? An diesem Punkt beginnt sich eine mittelprächtige Midlife-Crisis auszubilden, und die Reaktion liegt auf der Hand: Ich melde mich für irgendein Unterfangen mit offenem Ausgang an, das ich normalerweise wohl überdenken würde. In meinem Fall: Ich nehme Surflektionen.
Die Einführungstheorie ist einleuchtend, allerdings macht der Kursleiter keine Umschweife: "Ihr begreift das hier, wir üben es unten im Sand und ihr könnt es. Ihr macht es im Wasser, und ihr vergesst alles." Top Aussichten sind das ja.
Und nun bekommt das Wort Trockenübung zum ersten Mal in meinem Leben einen Sinn. Bei den Schulturnübungen wie Hochsprung oder Ballwurf fand ich die Wortwahl nie ganz angemessen und im Schwimmunterricht gabs das nicht. Doch jetzt liegst du auf deinem Brett, dein Brett im Sand, und eigentlich ist alles was du tust - aufstehen. Natürlich mit Technik, doch "trocken" hat man die einigermassen schnell raus. Es geht ins Wasser.
Voller Motivation wartet man auf die erste geeignete Welle, die man garantiert verpasst. Beim ersten Versuch bewegt sich mein Brett eigentlich kaum, ich mich dafür schon, allerdings nicht himmelwärts, wie geplant. In die umgekehrte Richtung.
Die Instruktoren geben Tipps, und endlich liege ich auf dem Brett, und die Welle trägt mich mit. Oberkörper hoch, Hintern hoch und Bein aufs Brett, anderes Bein nach vorne, fast ist es da, fast stehe ich, ein bisschen spüre ich schon den Wind im Ha- Wasser.
Überall, in den Augen, Haaren, Ohren, Mund, und wenn du ganz glücklich bist und eingeatmet hast, dringt es dir durch die Nase in den Rachenraum ein, damit du den Salzgeschmack auch sicher nicht mehr wegbekommst. Egal, aufgestanden und auf Position, die nächste Welle kommt schon angerollt. Unzählige Male lande ich im Wasser, aber das ist Teil des Spiels, welches wirklich unterhaltsam ist. Rundum fallen die Anfänger von ihren Brettern, prusten und schnauben wenn sie auftauchen, doch das tut dem Spass absolut keinen Abbruch. Man lernt ja.
Fehler kann man viele machen. Zu langsames Paddeln im Wasser und du wirst überrollt. Zu schnell, da bleibt die arme Welle zurück. Liegst du zu weit vorne auf dem Surfbrett - Tauchgang. Und dann natürlich die verschiedenen Details beim Aufstehen, die dich ständig das Gleichgewicht verlieren lassen.
So geht es Schritt für Schritt voran, irgendwann schaffe ich es, aufzustehen, worauf ich vor lauter Freude das Gleichgewicht verliere. Egal, ein Teilerfolg, so schmeckt das Salzwasser der kommenden Versuche doch gleich viel besser.
So geht es weiter, irgendwann gelingen die ersten zwei Meter, dann vier, und irgendwann hältst du dich - leicht schwankend zwar, aber immerhin - auf dem Brett, bis du praktisch am Ufer bist. Einmal aufgestanden ist es die unzähligen vorangegangenen Stürze wirklich wert und macht Lust auf mehr. Es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ins Wasser aber einige.

Montag, 15. Juli 2013

Klischees - oder Tatsachen?

Wenn man sich einmal die Unterschiede der Spanischen und der Schweizer Mentalitäten etwas genauer anschauen will, dann empfiehlt sich ein Flamenco-Spektakel. Mindestens einmal muss man den Weg in eine der schlecht belüfteten, stickigen und meist überfüllten "Peñas" auf sich nehmen, um die Bailaoren, Cantaoren und Tocaoren - Tänzer, Sänger und Gitarrenspieler - aufspielen zu sehen. Die Musik kann in verschiedenen Variationen erklingen, doch ob laut oder leise, feurig schnell oder beruhigend langsam - stets schwingt der arabische Einfluss mit. Die Gitarrenspieler beeindrucken mit einer Virtuosität, die ich auf einer klassischen Gitarre noch selten gesehen habe, und die Tänzer geben Stepptänze zum Besten, bei denen einem fast schwindlig wird. Die Ausgelassenheit auf der einen, aber auch die Emotionalität auf der anderen Seite, die man in Spanien so häufig antrifft, finden ihren Ausdruck in dieser Musik. Wohl aus diesem Grund ist sie flächendeckend so populär - die Leute erkennen sich wieder.
Die Flamenco-Abende sind von Improvisation und Spontanität geprägt. Es gibt Shows, bei denen die Sänger alles improvisieren, und nicht selten steigen nach der offiziellen Show Bekannte der Künstler auf die Bühne, und zusammen bringen sie eine Zugabe. Vom 3-jährigen Kind bis zum 60-jährigen Onkel habe ich dabei schon alles gesehen.
Mindestens ebenso wichtig für das Erlebnis ist das Publikum. Zwischenrufe (ique guapa!), Pfeifen, Klatschen (manchmal sogar im Rhythmus - etwas, das aber einzig und allein Spaniern vorbehalten ist), gehören dazu. Die Stimmung ist so einzigartig ausgelassen - man spürt den Lebensstil der Leute.
Sie tragen ihn auch gerne nach draussen. Gesang, Klatschen und Gitarrenspiel sind bei weitem nicht nur den Peñas vorbehalten. Am Strand geschieht es oft, dass eine Gruppe von Freunden oder Familien - meist in feuchtfröhlichem Zustand - ganz spontan eine Improvisation zum Besten geben. Bei den Themen fehlt es dabei nicht an Vielseitigkeit: Die aktuellen politischen Zustände, die letzte durchzechte Nacht oder eine Ode an eine schöne Frau - Kreativität ist gefragt.
Es ist schön, diese Authentizität anzutreffen. Sie zeugt von dem kulturellen Selbstverständnis der Leute hier, und so stereotypisch die Idee der singenden, ausgelassenen und lauten Spanier auch klingen mag - man trifft das oft an. Dass die Spanier ein lautes Volk sind, sagen sie selber, das wird gar nicht erst als Vorurteil gehandelt. Telefongespräche im Bus führt man in einer Lautstärke, die dem interessierten Zuhörer nichts vorenthält. Dem Desinteressierten leider auch nicht. Auch Streitgespräche zwischen Paaren oder Familien sind eigentlich nicht gross Privatsache. Natürlich lässt sich dieser Eindruck nicht auf alle Spanier übertragen, aber wenn man sich die Menschen ein bisschen anschaut, findet man vieles wieder, das man sich schon so vorgestellt hatte. Dies hat natürlich auch seine Kehrseite - beispielsweise die Nachlässigkeit der Leute hier, im Speziellen mit dem Müll, kann das Badeerlebnis im Meer schon ziemlich beeinträchtigen. Woher all die Dinge kommen, die das Meer da manchmal anschwemmt und die definitiv nicht reingehören, darüber streiten sich die Spanier auch. Der beliebte Sündenbock hier sind die Gitanos, die Zigeuner. Vorurteile haben wir wohl alle.




Dienstag, 2. Juli 2013

Was da steht

Am ersten Tage tropfte es nur leicht von der Decke. Die Professoren von Clic stellten einen Eimer drunter, riefen den Klempner und gut wars. Am zweiten Tage hiess es, das WC im oberen Stock könne nicht mehr benutzt werden. Dies bezweifelte spätestens dann niemand mehr, als der halbe Flur überflutet war - Geruchserlebnis selbstverständlich mitgeliefert. Wer nicht im Klassenzimmer sass, griff zum Wischmob und versuchte, die wachsende Pfütze einzudämmen. Im unteren Stock bot sich das gleiche Bild, und momentan klafft ein grosses Loch in der Decke. Die Nachmittagslektionen fanden an diesem Freitag in einer Bar statt.
Dies war Ende letzter Woche, und als ich heute die Schule betrat, bot sich mir erneut das gleiche Bild. Das Haus, in dem die Sprachschule untergebracht ist, ist nicht in bestem Zustand. Selbstverständlich ist es in guter Gesellschaft - die besten und stabilsten Bauwerke in Cádiz sind wohl die Kathedrale und die über 500 Jahre alten Türme. Was der Bauboom in den Jahren vor der Krise aus dem Boden gestampft hat, ist entweder schlecht konstruiert, hässlich oder beides. Ein Bild, das sich nicht wahnsinnig ändert, ob man sich jetzt am Mittelmeer oder an der Atlantikküste befindet. Andalusien ist von billigen Bauwerken durchzogen.
Natürlich ist das Teil des Spiels. Ich erwarte von einem Block in der Innenstadt von Cádiz keine blanke Fassade - und doch lässt die Vernachlässigung einiger Gebäude auf den Grundtenor schliessen: Solange es nicht zusammenkracht, funktionierts auch.
Dass die Krise einigermassen plötzlich kam, ist leicht zu erkennen. Bei einem Rundgang durch Cádiz trifft man auf grosse Löcher, die ursprünglich für ein Bauvorhaben aufgerissen worden waren, das in nächster Zeit wohl nicht fertiggestellt wird, auf Anzeigen, die Spitäler und andere Bauwerke versprechen, und mein Favorit ist die angefangene Brücke.
Die Idee war, nebst der natürlichen Landverbindung und der Autobrücke eine dritte Verbindung zum Festland herzustellen, um etwas gegen den täglichen Stau zu unternehmen. Auch dieses Projekt wurde von der Krise überrascht: Die Pfeiler stehen im Wasser, und vielleicht hundert Meter Brücke ragen in die Luft. Niemand weiss, wann das Ding je fertig wird.
In der Altstadt steht eine grosse Mauer nahe der Kathedrale wo im Moment Ausgrabungen getätigt werden. Man hat Überreste eines uralten römischen Kolosseums gefunden, wahrscheinlich eines der ältesten überhaupt. Doch auch hier dieselbe Geschichte: Die wenigen Bauarbeiter, die da graben, kommen natürlich nicht so schnell vorwärts wie dazumal, als sie noch mehr Kollegen hatten. Die Wirtschaftslage visualisiert sich in dem Erscheinungsbild dieses Landes, dieses Ortes - und so hübsch sie insgesamt ist, momentan weist die "Stadt, die lächelt" einige Zahnlücken auf.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Land in der Krise

Man könnte sie beneiden, die Spanier - und die Gaditanos speziell. Praktisch jeden Tag Sonne, wunderbare Strände und den grossen Swimming-Pool praktisch vor der Hütte. Es wäre ein wunderbares Leben, wäre da nicht die Wirtschaft.
Als Tourist kommt man hierher, bleibt eine, zwei oder auch drei Wochen, deponiert eine Menge Geld und geht wieder. Man will abschalten und seine Ruhe, den Strand und das Meer geniessen. Der Blick auf die Gesellschaft, in deren Land man sich gerade aufhält, ist dabei nicht unbedingt wichtig. Verbringt man aber mehr Zeit in einem Land, dann geht man auch mit der Erwartung ran, einen etwas tieferen Einblick in die Verhältnisse der Menschen zu bekommen. Und je länger man hier ist, desto mehr Dinge fallen einem auf.
Auf den ersten Blick hatte ich nicht den Eindruck, mich in dem Land mit der höchsten Arbeitslosigkeitsquote in Europa aufzuhalten. Natürlich, man sah und sieht Bettler auf den Strassen, und die Anzahl Strassenmusker ist speziell in Sevilla überdurchschnittlich hoch, aber die Leute sind fröhlich, die Stimmung ist ausgelassen - das Volk wirkt zufrieden.
Und doch realisiert man an einem Punkt, dass da sehr viele Wohnungen verkauft oder vermietet werden.  Dass der Grund für die vielen Jugendlichen an der Alameda de Hercules oder am Playa de Victoria wohl der ist, dass sie keine Arbeit haben. Dass der Bettler, der auf seiner Decke sitzt, die Nacht wohl am genau gleichen Ort verbringen wird. Es ist mir auch mehrmals passiert, dass ich mir einen anderen Geldautomaten suchen musste, weil vor demjenigen, der sich im Eingangsraum der Bank befindet, Leute schliefen. Am Tag scheint die andalusische Welt in Ordnung, gerade wenn man sich eher an den touristischen Orten aufhält - und in Cádiz ist praktisch alles touristisch. Hier sind die Leute darauf bedacht, alles im besten Licht darzustellen. In der Nacht allerdings kann man häufig die andere Seite erkennen.
Die Leute haben kein Geld, das ist der Tenor, ganz egal, mit wem man spricht. Der Staat kürzt wo er kann, und wer Arbeit hat, kann sich glücklich schätzen. Dementsprechend pessimistisch ist die Perspektive der Jugendlichen, praktisch niemand gedenkt, im Heimatland zu bleiben. Im Gespräch mit Studenten tönt es praktisch unisono: "Ich studiere, damit ich im Ausland arbeiten kann". Der Zulauf von Spaniern an Sprachschulen ist enorm. Meine Schule bietet nebst Spanisch Kurse in Englisch, Deutsch und Französisch an - in Sevilla kommen noch mehr Sprachen dazu. Und sie sind gut besucht, von Kindern, die kaum dem Vorschulalter entwachsen zu sein scheinen bis hin zu Erwachsenen im fortgeschrittenen Alter - der Druck, mindestens eine Fremdsprache zu beherrschen, am besten noch mehr, scheint zuzunehmen.
Mit der Krise kommt auch die Kreativität. In kleinen Dörfern existieren Tauschmodi, die nicht mehr mit Geld, sondern mit anderen, abstrakten Werten funktionieren. Die Idee ist, dass man Dienste anbietet - beispielsweise Nachhilfeunterricht, Yogakurse - halt, worin man gut ist - und sich dafür nicht mit Geld, sondern in der abstrakten Währung bezahlen lässt. Für diese Summe kann man sich dann eine andere Dienstleistung "kaufen". Und das System scheint zu funktionieren, darüber hinaus sagt man sogar, dass es den sozialen Zusammenhalt fördere, weil jeder so einen Teil zum Leben in der Gesellschaft beiträgt. Sehr hoffnungsvoll klingen die Leute nicht, wenn von Wirtschaft die Rede ist - aber die Spanier sind ein Volk, das sich zu helfen weiss.

Dienstag, 18. Juni 2013

Ein neues Kapitel

Nach dem Verabschieden mache ich mich am Sonntag auf den Weg und verlasse das Haus meiner Familie genau gleich bepackt, wie ich vor 6 Wochen angekommen bin. Ich fühle mich wieder am gleichen Punkt - auf der Schwelle zu etwas Neuem und ohne Ahnung, was da kommt. Und so steige ich, mit dem Versuch, keine Erwartungen zu hegen sondern mich überraschen zu lassen, in den Zug, der mich durch die vielseitige andalusische Landschaft nach Cádiz bringen wird.
Nach etwa 90 Minuten Fahrt taucht das Meer urplötzlich auf, man würde es gar nicht erwarten. Aus einer sanften Kurve heraus erstreckt sich plötzlich das endlos scheinende Wasser vor einem und gibt eine ungefähre Idee, warum Cádiz ein sehr beliebter Ferienort ist - auch unter Andalusiern.
Dann finde ich mich auch schon vor dem Haus meiner zukünftigen Gastfamilie wieder, und schon bald habe ich mein Zimmer bezogen und die Leute kennengelernt. Der andere Student in meiner Wohnung - ein Zuger, so verliere ich mein Schweizerdeutsch sicher nicht - führt mich am Abend durch die Stadt, damit ich einen ersten Eindruck bekomme.
Die kleine Stadt ist eine Halbinsel, auf drei Seiten vom Meer umgeben, und einer der Strände befindet sich direkt vor unserer Haustüre. Natürlich ist das Meer daher eine der wichtigsten "Sehenswürdigkeiten" von Cádiz - obwohl die Einwohner nicht müde werden, zu erwähnen, dass man sich gerade in der ältesten Stadt des Okzidents befindet - anscheinend ist sie über 3000 Jahre alt. Der Sage nach soll sie sogar Herkules selbst gegründet haben - obwohl die andalusischen Städte generell die Tendenz haben, das zu behaupten. Von Sevilla habe ich es auch schon gehört.
Natürlich hat die lange Geschichte Cádiz' Spuren hinterlassen, und auch hier finden sich viele alte Gebäude und Kirchen von verschiedenen Zeitaltern. Allerdings ist es ein relativ kleiner Ort, und man kennt die wichtigen Orte relativ schnell, wie man auch die kulturell wichtigen Plätze schnell kennen wird.
Eine andalusische Stadt gleicht der nächsten - gleich benannte Plätze und Strassen, ähnliche Architektur und die Strassen in den verschiedenen Altstädten sehen sowieso immer gleich aus. Der Vorteil an Cádiz ist, dass du dich immer am Meer orientieren kannst, das du sehr schnell erreichen wirst - egal, in welche Himmelsrichtung du losziehst.
Natürlich sind die Eindrücke von Sevilla noch da, und ein Wechsel wie dieser braucht seine Angewöhnungszeit. Aber spätestens am zweiten Tag, wenn man am Strand liegt, die Sonne und den abkühlenden Wind (der in Sevilla fehlt) geniesst und ein erstes Bad im Meer nimmt, beginnt man zu realisieren, dass es sich hier ebenso gut leben lässt.

Samstag, 15. Juni 2013

Vor dem Wechsel

Der Wermutstropfen meiner Zeit an der Schule hier war, dass die meisten Leute nur für zwei oder drei Wochen in  Sevilla waren. Praktisch jede Woche lernt man neue Freunde kennen, praktisch jede Woche muss man welche verabschieden, die schon wieder gehen. Nun bin ich an der Reihe.
Obwohl dies keineswegs das Ende meiner Reise ist, ist es nicht ganz einfach, Sevilla zu verlassen. Ab einem Punkt fühlt man sich eher wie zuhause und nicht mehr so als Tourist, auch wenn die Kellner immer noch oft glauben, ihr schreckliches Englisch auspacken zu müssen, um eine Verständigung möglich zu machen.  Endlich findet man sich in der ganzen Altstadt mühelos zurecht, kennt die besseren und schlechteren Restaurants und Bars und hat sich gut in den Rhythmus der Stadt eingelebt. Man kennt seine Lehrer und Familie mittlerweile ziemlich gut, und durch das "Intercambio"-System der Schule lernt man sogar Jugendliche kennen, die hier zuhause sind.
Und es sind nicht nur die Menschen, an die man sich schon gewöhnt hat. Es ist die Stadt, mit allem drum und dran, mit ihren wunderbaren Seiten, wie den fantastischen Sonnenuntergängen, den Aussichten auf den verschiedenen Brücken oder der Musik - und auf der anderen Seiten die nervigen Dinge, wie der beissende Gestank, der gewisse Gassen der Altstadt verpestet, der achtlose Umgang mit Müll oder die manchmal penetranten Verkäufer auf den  Strassen. All diese Eindrücke in der Summe machen den Charme eines Ortes aus, und dafür lernt man den Ort zu lieben. Sevilla, das bleibt zu sagen, ist die schönste Stadt, die ich bisher kennengelernt habe, immer gut für eine Überraschung. In alledem ist es ein wunderbares Beispiel für die spanische Mentalität.
Doch nun heisst es packen, sich verabschieden, den letzten Abend noch zu geniessen - und dann steht der Tapetenwechsel an. Über Cádiz habe ich mittlerweile alles gehört - wunderschön, langweilig, genau so heiss wie Sevilla, kühler als Sevilla - offenbar eine sehr subjektiv wahrnehmbare Stadt. Aber es scheint in jedem Falle eine gute Idee, einen Sommer mit Temperaturen bis zu 50 Grad an einem Ort nahe am Meer zu verbringen. Die Hitze hier in Sevilla, darin sind sich alle einig, ist im Hochsommer unerträglich. Das einzig sinnvolle, das man machen kann, ist eine Siesta. Und so flüchte ich mich, bevor das Temperaturinferno richtig losgeht, und verlasse den Ort, dem ich so viele Erinnerungen und Erfahrungen verdanke, um mich erneut an einem völlig fremden Ort einzuleben. Klar ist nur - mein letzter Aufenthalt in Sevilla war das nicht.

Mittwoch, 12. Juni 2013

"¡Cristo vive!"

Nach 5 Wochen in Sevilla glaubt man, dass man sich nicht mehr so schnell überraschen lässt. An die Künstler auf der Strasse, deren Auswahl von aller Art Musiker und Tänzer über Graffitikünstler bis hin zu einer absurden Art von theatralischer Darstellungskunst reicht, hat man sich längst gewohnt, den Frauen, die dir vor der Kathedrale einen Thymianzweig in die Hand drücken und deine Zukunft voraussagen wollen, um dir anschliessend etwas Geld abzuknöpfen, hast du auszuweichen gelernt und Papa Schlumpf habe ich seit Fronleichnam sowieso nicht mehr gesehen. Da hat er aus einem mir unbekannten Grund Massagen verteilt.
Doch Sevillaner haben eine Vorliebe für Märsche und Prozessionen in grossen Gruppen, das zeigen sie jeweils bei hohen christlichen Festen und am schönsten während der "Semana Santa", der Karwoche. Was sich letzthin abspielte, erinnerte aber mehr an eine Demonstration. Voraus zwei Polizisten auf Motorräder, dahinter eine Menschenmasse, die sich langsam vorwärts bewegt. Transparente ragen in die Luft, die Menschen schreien, rufen, beginnen zu singen. Eine Demonstration gegen die schlechte Wirtschaftslage, eine politische Kundgebung? Ich kann mir einiges vorstellen, doch mit dem, was ich auf dem ersten Transparent lese, habe ich nicht gerechnet:
 "¡Jesucristo vive y te ama!"
Offensichtlich ist dies hier keine politische, sondern eine religiöse Kundgebung. Das Lesen der restlichen Plakate macht klar: Es geht nicht um irgendein politisches Statement, sondern ist schlichtweg ein religiöser Umzug. Und schon strömen aus der bewegenden Menschenmasse Männer aus und verteilen dünne Prospekte.
Das Selbstwertgefühl steigt beim Lesen der kleinen Booklets nicht unbedingt. "Alle sind wir Sünder, alle werden wir sterben und das ewige Leben verdienen wir nicht!" Die Rückseite verrät: Aha, da haben wir es nicht mit einem katholischen Umzug zu tun - hier ist die Evangelische Kirche Sevillas am Werk. Versucht sich hier, eine konfessionelle Minderheit Gehör zu verschaffen? Immerhin stellt man sich Spanien generell als katholisches Land vor.
Der Katholizismus ist wohl immer noch ein sehr prägendes Element in der spanischen Gesellschaft: Einige der wichtigsten Feste, gerade in Sevilla, sind eindeutig religiösen Ursprungs. Die Semana Santa, das Volksfest in Sevilla schlechthin, ist das beste Beispiel dafür. Jeden Tag ziehen religiöse Prozessionen durch die Altstadt, in der man sich kaum bewegen kann, weil jeder einzelne Sevillaner auf der Strasse zu schein scheint. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Sevillas sind Kirchen, und denkt man an die spanische Inquisition, dann erscheint es klar, dass die Katholische Kirche tiefe Spuren in diesem Land hinterlassen hat. Zudem weist Spanien einen hohen Anteil an religiösen Fernsehsendern auf, in deren Programmen aktuelle Themen besprochen werden oder die Fernsehaufnahmen von vergangenen Festivitäten zeigen. Die Emotionalität, die da zuweilen zu sehen ist, grenzt oft ans Absurde.
Und doch, so höre ich von verschiedenen Seiten, wird dieser Kult immer mehr zum Schein. Der Grund, warum die Semana Santa dermassen populär und gut besucht ist, ist für viele wohl weniger eine religiöse Idee als eine traditionelle - und sowieso ein guter Grund, bis spät in die Nacht auszugehen. Auch die Tatsache, dass immer noch sehr viele Leute ihre Kinder auf private, religiös geprägte Schulen schicken, ist nicht unbedingt Beweis für eine tiefgläubige Gesellschaft - vielmehr geniessen diese Schulen wohl schlicht einen besseren Ruf als die öffentlichen Institutionen. Die Mehrheit der Leute nennt sich noch katholisch, aber die Zahl der regelmässigen Kirchengänger nimmt ab - die Situation, wie sie mir geschildert wird, erinnert mich ein wenig an die Schweiz. Die Anzahl Austritte aus der Kirche dürfte hier allerdings tiefer sein, dafür ist die Tradition noch zu fest verankert. Aber auch die Zahl der Konvertiten, zum Beispiel zum Islam, nimmt zu.
Die beschriebene Kundgebung, so erfahre ich schliesslich im Gespräch mit einer reformierten Frau, ist ein Anlass, den die Angehörigen der evangelischen Kirche Sevilla einmal im Jahr macht - tatsächlich ohne irgendeinen spezifischen Hintergrund, sondern nur, um ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Die ausgelassene Stimmung, die tanzenden Leute und die fröhliche Musik liessen jedenfalls nichts von dem spiessigen Image erkennen, das christlichen Kirchen zuweilen anhaftet. Allerdings scheint hier auch wohl der andalusische Geist durch.

Donnerstag, 30. Mai 2013

"Warte, luege, lose, loufe"

Als ich am letzten Wochenende in Granada eine Strasse bei Grün überquerte, merkte ich sehr schnell, dass der Motorradfahrer, der auf der Strasse gefahren kam, nicht anhalten würde. Ich blieb stehen und liess ihn bei Rot durchrasen. Ich schüttelte den Kopf und wollte das gerade kommentieren, als der Knall folgte. Irgendetwas hatte des Fahrers Reise unsanft beendet.
"Typisch", schiesst es vielleicht manchen durch den Kopf. Wie die fahren, "die im Süden", das wissen wir ja schon lange. Und es ist vielleicht ein bisschen wahr, gewisse Dinge funktionieren im iberischen Strassenverkehr etwas anders als im helvetischen.
Ich erinnere mich an den ersten Tag in Sevilla, als mich ein Taxi zum Hostal brachte. Er fuhr sicher, so weit ich es beurteilen konnte korrekt und konstant mindestens 15 Stundenkilometer zu schnell, oft auch mehr. Allerdings fügte er sich damit wunderbar in den Gesamtfluss ein. Bei einer Autobahneinfahrt erbarmte er sich wenigstens, von 120 auf 100 zu verlangsamen - die angezeigten 80 wären wohl zu viel verlangt gewesen.
Sich in der Altstadt Sevillas zu bewegen ist prinzipiell ungefährlich, allerdings sei dem Touristen geraten, die Ohren gespitzt zu halten. Wenn auch Autos nicht in jeder Gasse fahren können - nicht, dass sie es nicht ausreizen würden bis zum Letzten - Vespas können das sehr gut. Ich war mehr als einmal froh, dass die Dinger so einen Lärm machen. Es ist generell gut, an unübersichtlichen Stellen mit einem Fahrzeug zu rechnen.
Was die Fussgängerampeln betrifft, so sind sie wohl mehr zur Unterhaltung der Fussgänger aufgestellt als dass sie wirklich den Verkehr regeln würden. Bei einigen Exemplaren bewegt sich das grüne Männchen, andere zeigen dem Wartenden die verbleibende Zeit in Sekunden an, und wenn die Ampel dann auf Grün stellt, ertönt ein nervtötendes Geräusch, als ob sich eine Horde Schulkinder eine Schiesserei mit Spielzeuglaserpistolen bieten würden. Man fühlt sich an die alten Star Wars Filme erinnert. Prinzipiell überquert man eine Strasse aber dann, wenn kein Auto über die Kreuzung fährt.
Interessant ist das Verhalten der Autofahrer zu beobachten, wenn ihre Ampel von Grün auf Orange wechselt. Ich lernte einst, dass man in solchen Situationen nach Möglichkeit anhält. Das ist Blödsinn, wie ich hier erfahren habe. Orange heisst nicht bremsen, sondern rausholen, was die Karre hergibt. Es ist ein Wettrennen gegen das Lichtsignal, und wenn man es verliert - das nächste wartet bestimmt schon.
Vom Stress auf der Strasse ist auf einem Fussgängerweg hingegen gar nichts zu spüren. Da nimmt es der Sevillaner gemütlich, er bewegt sich dann gerne mit drei oder vier Kollegen in einer Linie quer übers Trottoir, so dass dem Schüler, der wieder einmal etwas knapp dran ist, nichts übrigbleibt, als ein Überholmanöver zu starten und damit einen Velofahrer zu verärgern, der natürlich umgehend empört die Klingel betätigt.
Klingel und Hupe - die wichtigsten Bestandteile eines spanischen Fahrzeugs. Wären die Sevillaner so schnell beim Bremsen wie beim Hupen, die Unfallrate wäre tiefer. Eine Sekunde Verzögerung wenn die Ampel auf Grün wechselt, und der Autofahrer hinter dir wird dich mit Freude darauf hinweisen, dass du jetzt fahren kannst. Das Hupgeräusch ist fester Bestandteil der Akustik in Sevilla: Ob kurz und knapp, lange und empört oder zwei, dreimal aufeinanderfolgend - der Autofahrer ist kreativ.
Und damit die Sache sicher nicht zu einfach wird, begegnen einem ab und an Pferdekutschen, in denen Touristen sich die Stadt auf die einfachstmögliche Weise ansehen. Die Kutschfahrer erklären ihren Kunden dabei meist irgendwelche Dinge, der Verkehr wird dabei mehr oder weniger beachtet. Was so ein Kutscher allerdings macht, wenn er auf eine orange Ampel zufährt - das habe ich bisher noch nicht herausgefunden.

Donnerstag, 23. Mai 2013

Kulinarisches

Natürlich ist es fast eine Pflicht, wenigstens einmal auch von den Essensgewohnheiten zu berichten, wenn man sich in einem fremden Land befindet. Gerade Länder, die nahe am Meer liegen, haben eine etwas andere Küche zu bieten als Mitteleuropa.
Die Mahlzeiten in Spanien sind total verschieden von den Mahlzeiten in der Schweiz. Zum Morgenessen erwarten einen Muffins, Kekse, Kuchen und Magdalenas, wenigstens noch etwas Toast, Kaffee und Milch. Dann allerdings vergeht einige Zeit, bis zum nächsten Happen. Das Mittagessen wird in Spanien erst nach 15:00 eingenommen, fällt dafür in der Regel auch ziemlich reichlich aus. Das Abendessen bekommt man frühestens um 21:00, gewisse Familien pflegen sogar, bis 22:30 zu warten. Die langen Zeiten überbrückt man individuell mit Snacks, da sind die Spanier nicht anders als die Mitteleuropäer.
Ein jedes Land hat Spezialitäten, die Ausländern vielleicht etwas seltsam vorkommen. Auf die französischen Froschbeine gehen wir nun nicht weiter ein, und ich wurde schon gefragt, ob das Essen von Zunge in der Schweiz üblich sei. Nun ja, immerhin mal was anderes als die ewigen Uhren, Käse und Schokoladen. Auch hierzulande bieten die Restaurants gewisse Speisen an, die mir auf den ersten Blick etwas speziell vorgekommen sind. Ein Beispiel sind "caracoles", oder zu gut Deutsch - Schnecken.
Was nun das Essen von Schnecken anbetrifft, so scheiden sich auch hierzulande die Geister. Es gibt Leute, die das nicht ausprobieren würden. Allerdings, so habe ich bemerkt, darf man sich von der Rohkonsistenz nicht abschrecken lassen - eine Forelle ist auch nicht sehr appetitlich anzufassen, wenn sie noch nicht verarbeitet wurde.
Caracoles können verschieden zubereitet werden. Meine wurden gekocht und anschliessend in einer kleinen Schüssel voll Öl serviert. Um den würzigen Geschmack der kleinen Dinger zu geniessen, muss man sie allerdings erst aus dem Häuschen holen. Mit Zahnstochern lassen sie sich relativ gut aufspiessen und rausziehen. Als Tapa, als Appetithäppchen, sind sie ideal (vorausgesetzt, dir vergeht von Schnecken nicht generell der Appetit), denn richtig satt machen sie nicht und zuviel willst du davon ohnehin nicht essen. An den (zugegeben nicht zahlreichen) Orten, wo sie serviert werden, bekommt man sie zudem oft als Kombiangebot mit einem Bier.
Ein beliebtes Fleisch in Sevilla ist Stierfleisch, und speziell bekannt der "cola del toro", also der Schwanz. Wer sich von der Schwanzform abschrecken lässt, kann auch die "croquetas" probieren. In Sevilla gibt es zudem zahlreiche Variationen von Hamurgern: Stierfleisch, Kängurufleisch oder Thunfisch sind nur gerade drei, die ich gesehen habe - einige Restaurants sind da sehr kreativ.
Pflicht während einem Spanienbesuch ist selbstverständlich die berühmte Paella, allerdings gibt es die in so vielen Variationen, dass man etwas aufpassen muss, wo man sie isst. Will man aber eine richtig spanische Paella geniessen, so darf man sich zumindest von Meerestieren nicht abschrecken lassen, sie sind normalerweise Bestandteil dieses Reisgerichts. Es gibt sie aber auch in vegetarischer Form oder mit verschiedenen Sorten Fleisch.
Und wenn einem die spanische Küche dann wirklich gar nicht behagt, dann muss man meistens nicht weit laufen, bis einem das weltbekannte, goldene M oder der freundlich lächelnde Mann aus Kentucky, der mit den Hühnern, entgegenstrahlen. Man ist ja schliesslich international.

Donnerstag, 16. Mai 2013

The rain in spain...

... does not mainly stay in the plain, wie uns ein Blumenmädchen einst weismachen wollte. Tatsächlich fällt er grösstenteils in den Bergen im Norden. Und doch kann es sein, dass sich ab und zu eine dickere Front über Andalusien breitmacht, nicht vergleichbar mit den süssen Schäfchenwolken, die wir uns schon lange gewohnt sind und die den Himmel am Abend ohnehin noch schöner erscheinen lassen. Nein, ab und zu zeigt sich die Meteorologie von ihrer kreativen Seite. Dann sinken die Temperaturen tagsüber unter 30 Grad (Luxus!), in der Nacht sogar bis auf 12 Grad (für Sevillos ein relativer Nordpol). Die Platzregen sind einigermassen heftig und werden von unangenehmen Winden begleitet. Die spanische Übersetzung des bekannten Liedes weiter oben: "La lluvia in Sevilla es una maravilla" (zu Deutsch: Der Regen in Sevilla ist ein Wunder) bezieht sich wohl mehr auf die Seltenheit der Regenfälle, als dass er in seiner Art wunderbar wäre. Er fühlt sich sogar ziemlich genau gleich an wie sein Schweizer Pendant.
Die Provinz Sevilla hat mit einer ernsten und vor allen Dingen immer ernster werdenden Wasserknappheit zu kämpfen. Die Wasserversorgung wird durch Stauseen bereitgestellt, welche aber immer weniger Wasser tragen - eine Kehrseite des endlosen Sommers in Südspanien. Den Mitteleuropäer mag es zuweilen verwundern, dass Wasser an teilweise absurden Orten Verwendung findet. So passiert es beispielsweise nicht selten, dass man an einem Hotel vorbeiläuft und ein feiner Nieselregen, versprüht von winzigen Düsen über den Köpfen der Passanten, einen etwas abkühlt. So gelegen solche Situationen bei den hiesigen Temperaturen auch kommen mögen, man fragt sich trotzdem, ob diese "Dienstleistungen" tatsächlich nötig sind. Die "Alameda de Hercules", bei Tag ein wunderschöner, lang gezogener Platz, ideal um spazieren zu gehen, seine Kinder austoben zu lassen oder Frisbee und Fussball zu spielen, und in der Nacht eine der besten Ausgehmöglichkeiten Sevillas, diese Alameda hat an mehreren Stellen kleine, düsengespickte Anlagen, die einen sanften Nebel erzeugen und Kindern wie Kindergebliebenen gleichermassen Freude bereiten. Der Wasserverbrauch ist enorm.
Daher sollte Regen hier auch ein bisschen willkommen sein, aber die Sevillos bevorzugen die Saisons, die sie gewohnt sind und für die sie bekannt sind - Sonnenschein, begleitet von einer unheimlich drückenden Hitze. Sie beklagen sich lieber über Schweiss als über Regentropfen.
Das Trinkwasser ist eine Sache für sich. Die geruch- und geschmacklose Flüssigkeit von zuhause hat mit dem hiesigen Wasser nicht viel zu tun. Allerdings schmeckt der zweite Schluck jeweils schon bedeutend weniger nach Chlor.

Freitag, 10. Mai 2013

Biblische Verhältnisse

Und er sprach: "Auf, steigen wir hinab und verwirren dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht" (Gen 11,7)

Könnte sein, dass es sich manchmal ganz ähnlich anhört, wie damals beim Turmbau zu Babel, wenn eine Gruppe von Studenten meiner Schule zusammen ausgeht. Da hast du rechts die Holländer, die fliessend zwischen Englisch und "Dötsch", wie sie es so schön nennen, abwechseln, daneben die Deutschen, weiter die Franzosen, die in ihrem Wahnsinnstempo untereinander parlieren, zwei Engländerinnen im schönsten und breitesten "British English" und die beiden Schweizer. Je nach dem, wer sich gerade mit wem unterhält, wird die Sprache gewechselt - die Motivierten unter uns versuchen es mit Spanisch und korrigieren sich gegenseitig, während vor allem die Jüngeren ihre Muttersprache bevorzugen.
Unter diesen Voraussetzungen lerne ich nicht nur Spanisch, sondern verbessere mein Englisch, nutze ab und zu meine kargen Französischkenntnisse (dann waren die vielen Stunden über 8 Jahre wenigstens nicht komplett verschwendet) und kann auch ab und zu Deutsch reden. Es ist von Vorteil, wenn man über wenig Vokabular verfügt, in eine andere Sprache ausweichen zu können, aber der ständige - zum Teil sehr fliessend ablaufende - Wechsel kann auch verwirren. Eine Kollegin musste mich jedenfalls darauf aufmerksam machen, dass ich mit einer Französin Deutsch anstatt Englisch gesprochen hatte - offenbar hatte ich mitten im Satz die Sprache gewechselt, ohne es zu bemerken.
Die Lehrer machen einen sehr guten Job an der Schule, der Unterricht ist stark auf Kommunikation ausgerichtet. Man versteht nach ein paar Tagen schon einiges und glaubt, einfacheren Gesprächen mindestens folgen zu können.
Dann probiert man es aus.
An der Schule Spanisch zu sprechen, ist anders. Du sprichst mit Studenten, die über einen ähnlichen Wortschatz verfügen, und die Lehrer setzen ein Tempo an, mit dem man umgehen kann. Versuchst du dann, mit einem Andalusier ein paar einfache Worte zu wechseln, ist das zaghaft erworbene Selbstvertrauen dahin. Andalusisch gilt als einer der schwersten spanischen Dialekte. Die Südspanier sind Weltmeister im Verschlucken von Silben, Erfinden von Worten und es scheint, als wollten sie sich gegenseitig in der Sprechgeschwindigket überbieten. Zudem unterscheiden sie nicht zwischen "v" und "b", was den unerfahrenen Zuhörer zwingt, sämtliche Kombinationsmöglichkeiten auszuprobieren: "bibir, vivir, bivir, oder vibir"? Und welche von diesen Wörtern existieren überhaupt??
So kommt man langsam vorwärts, und doch, sieht man einen langen Weg vor sich, bis man in der Lage ist, eine Bar zu betreten und einfach so ein Gespräch zu beginnen. Bis dies der Fall ist, gilt die in Fremdsprachen geläufige Devise: Nicken, lächeln und hoffen, dass es keine "oder-Frage" war.

Montag, 6. Mai 2013

Das "international house"

06. Mai 2013

Obwohl mein erster Schultag vor der Tür steht, schlafe ich gut und habe einen Montagmorgenkoller. Erst im Verlaufe des Morgens wird mir bewusst, dass es heute eigentlich richtig beginnt. Die Stimmung auf der Brücke Richtung Altstadt ist herrlich ruhig - die Stadt ist noch nicht aufgewacht.
Dann stehe ich vor dem "clic - international house" und betrete den Innenhof, der als kleine Cafeteria eingerichtet ist - in der Pause werden die kleinen Tische und Stühle rasend schnell besetzt sein.
Ich erhalte einen Studenten- und Bibliotheksausweis, und dann schickt mich die freundliche Frau in den ersten Stock, um den Einstufungstest zu absolvieren. Das kann ja heiter werden, denke ich mir.
Und das wird es auch. Bei der ersten Frage kann ich mir wenigstens noch erklären, warum ich keine Ahnung habe - die letzte hätte sie auch auf hebräisch formulieren können. Ich bin daher sehr schnell fertig mit dem Test, ein paar der anderen Neulinge scheint das zu irritieren. Aber wenn du bei einem Test wirklich keine Ahnung hast, kannst du ihn auch abgegeben.
Dementsprechend amüsierend verläuft die Korrektion der Prüfung, die ein Spanischlehrer mit mir gleich direkt vornimmt. Sein Gesichtsausdruck weckt Erinnerungen: Dieser kurze Kampf mit der Verzweiflung, gefolgt von Resignation kommt mir aus dem Werkunterricht noch vage bekannt vor. Den mündlichen Teil der Prüfung, der normalerweise auch gemacht werden muss, überspringt er.
Nun habe ich eine knappe Stunde Zeit, bevor die Führung durch das Haus beginnt. Nach und nach kommen die anderen Studenten, die ebenfalls ihren ersten Tag haben, die Treppe runter, trinken etwas, öffnen ihre Laptops, schnappen sich eine Zeitung oder studieren das Kulturprogramm der Schule, bis es weiter geht.
Das Haus ist nicht sehr gross und daher schnell gezeigt. So können wir uns für die zweite Doppellektion um 11:20 bereits in die Klassen setzen, denen wir zugeteilt werden.
Die Lehrer machen ihre Sache wirklich gut, das merkt man auch an der Motivation der Studenten, und ich verstehe mehr, als ich anhand des Tests erwartet hätte. In den Lektionen und der darauffolgenden Exkursion realisiert man auch, dass das "international house" seinem Namen alle Ehre macht: Man trifft, sieht, hört Japaner, Schweden, Belgier, Franzosen, Amerikaner, Berner, Deutsche, Holländer (Letztere sind meine eindeutigen Favoriten in Sachen plötzliche Erkenntnis von Vokabular: "Nee, e waterpött!!")
Bunt zusammengewürfelte Klassen mit Studenten aus aller Welt - es verspricht, spannend zu werden.

"Informationen aus aller Welt", No.1: In Holland kommt der Samichlaus aus Spanien, und dahin nimmt er auch die bösen Kinder mit.

Sonntag, 5. Mai 2013

La familia

05. Mai 2013

Und dann sind die drei unabhängigen Tage auch schon um. Auschecken, Koffer in die Hand und ab über den Rio Guadalquivir in den Stadtteil Triana, wo ich in den nächsten sechs Wochen wohnen werde. In der Wohnung wird mir schnell klar, dass das Einleben eine kurze Sache wird. "bienvenidos a mi casa, mi casa es tu casa" - Vater Alfredo zeigt mir die Wohnung und überlässt mich dann meinem Zimmer, wo ich die bis zu 250 Jahre alten Möbel mit meinen Utensilien fülle. Mutter Rosa Ana taucht dann gegen 13 Uhr auf - an Sonntagen schlafen die Sevillos gerne etwas länger. Tatsächlich fällt einem ein krasser Unterschied im Vergleich zum Samstag auf, wenn man die Altstadt Sevillas an einem Sonntagmorgen durchquert. Klassische allgemeine Katerstimmung.
Meine Gastfamilie spricht nur Spanisch, was mich zwingt, mich mit sehr viel Kreativität, etwas Lateinkenntnis und vor allem Händen und Füssen zu verständigen. Die beiden jungen Franzosen und die beiden Amerikaner, die etwa so alt sind wie ich, können dann helfen, wenns wirklich nicht mehr geht. Eine sehr internationale Truppe, die da am Mittagstisch sitzt, aber für die Familie ist das normal. Ab nächsten Sonntag beherbergen sie dann einen Italiener.
Meine Gastmutter ist Hausfrau durch und durch, spätestens beim Mittagessen wird das klar. Die vielen sich abwechselnden Gäste machen die Eltern sowieso praktisch zu Hostelbesitzern. Ihre Offenheit, Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft sprechen auf jeden Fall für sich.
Die Siesta verbringen dann alle nach ihrem Gusto - die Eltern und der jüngere Sohn, Alfonso, schauen fern, der ältere Pepe zockt mit den Franzosen Fifa und die Amerikaner erholen sich von ihrem Trip nach Portugal, von dem sie gerade zurückgekommen sind. Gegen Abend verabschieden sich die beiden Söhne, um sich ein Fussballspiel anzuschauen, und als sie wieder zurückkommen, geht's gleich am Fernseher weiter - Barçelona gegen Betis Sevilla. (Für alle, die jetzt reingefallen sind - ein Bekenntnis zu Betis käme einem sozialen Selbstmord gleich. Die zahlreichen Fanartikel des FC Sevilla verhindern da jegliche Missverständnisse.) Der Stellenwert der schönsten Nebensache der Welt ist ohnehin sehr hoch in Spanien, um das festzustellen, reichen ein paar Minuten vor dem Fernseher mit ihnen. Dementsprechend sollte der spanische Stolz in Sachen Sport nicht ausgereizt werden: Einen Hinweis auf das WM-Spiel Schweiz - Spanien im Jahr 2010 quittiert Alfredo, indem er mir fast eine Orange an den Kopf wirft.

Samstag, 4. Mai 2013

Musik und Prozessionen

03. Mai 2013

Als ich um etwa 19:00 meine Unterkunft verlasse, begleiten mich Gitarrenklänge durch die engen Gassen. Keine Ahnung, woher sie kommen, aber das spielt auch keine Rolle. Es fühlt sich an, wie im Film - eine ruhige Flamencomelodie, die mich durch die Altstadt Sevillas begleitet. Sie wird nahtlos von einer ganz anderen Art Musik abgelöst - Blasmusik, unterstrichen von intensiven Trommeln. Natürlich suche ich die Quelle dieser Melodien und finde mich sehr schnell vor der berühmten Kathedrale von Sevilla wieder. Ein kleines Blasorchester bewegt sich langsam um die Ecke und spielt eine melancholische Melodie. Vor ihnen erkennt man einen schwarzen Behälter, der von 4 Kerzen umgeben ist, und noch weiter vorne erhebt sich ein Kreuz in die Höhe. Eine Beerdigung?
"Nein", erfahre ich von einer Frau, die das Geschehen fotografiert hat. "Eine Prozession". Gut, das erkenne ich selber auch. Offensichtlich brauchen die Sevillanos keinen bestimmten Grund, um eine Prozession um die Kathedrale zu veranstalten. Es steht jedenfalls kein spezifisches religiöses Fest auf dem Programm.
Vielleicht ist das für die Gottesdienste dieser Kathedrale auch üblich, denn sie ist ein Wahrzeichen der Stadt. Immerhin ist sie die drittgrösste Kirche der Christenheit, nach dem Petersdom in Rom und der St.Paul's in London - und wenn man mal vor diesem Ding steht, glaubt man das aufs Wort. Den Glockenturm - ursprünglich ein Minarett, das im Laufe der Katholisierung umfunktioniert wurde - sieht und hört man von weit her. Die Kathedrale ist ein gewaltiges Bauwerk, das in ihrer nächtlichen Beleuchtung genauso schön anzusehen ist, wie am Tag, wenn sie von der Sonne bestrahlt wird.
Musik ist allgegenwärtig in Sevilla, seien es kulturelle, religiöse, oder ganz profane Klänge, die einem dann entgegentönen, wenn man an den Ufern des Flusses spaziert, welche abends definitiv den Jungen und den Joggern gehören. Aus Autos und Radios hört man die Lieder, die in jedem Club gespielt werden. Man stösst mit Bier und Schnaps an und geniesst den Abend. Dass sich ein Gewitter anbahnt, stört die Spanier nicht im geringsten.
Die rätselhafteste Prozession begegnet mir in einer kleinen Nebengasse in der Altstadt. Etwa 20 Männer und Frauen tragen im Gleichschritt ein käfigartiges Gebilde mit sich, welches auf dem Deckel mit Steinen beschwert ist.  Ein Mann läuft vor ihnen her und gibt den Trägern, die in ihrem Käfig wie Gefangene wirken, Anweisungen. Was diese Aktion genau bezweckt hat, verstehe ich jetzt noch nicht. Aber alles werde ich in diesem Land wohl nie begreifen können.

"Sinnlos, aber schön zu wissen" No.1: Das alkoholische Getränk Gin und die welsche Stadt Genf in der Schweiz tragen den gleichen spanischen Namen: "ginebra".

Freitag, 3. Mai 2013

Sevilla on my own


Um etwa 14:00 - ziemlich pünktlich - landet das Flugzeug am Flughafen Sevilla und entlässt uns in die Hauptstadt Andalusiens. Schnell wird klar, dass dies nicht einfach irgendeine Stadt ist - Sevilla hat seinen eigenen Charme, seien es die engen Altstadtgässchen, die keinen Zentimeter breiter sind als die Taxis, die drin rumkurven, sei es die beträchtliche Anzahl an Kirchen und nach ihnen benannten Plätzen, die den Unerfahrenen ziemlich verwirren können.
Da ich mich erst am Sonntag mit meiner Gastfamilie treffen kann, lerne ich Sevilla zuerst auf eigene Faust kennen - drei Tage ohne Fremdenführer, Lehrer oder Eltern, die den Weg weisen würden. Sevilla on my own.
Daher laufe ich, als ich mich in meinem kleinen Zimmer einigermassen eingerichtet habe, einfach mal drauflos, durch verwinkelte Gässchen und sehe, wohin der Weg mich führt. Erst als ich auf den Fluss zusteuere, kehre ich um - den zu überqueren ist morgen angesagt.
Es ist unglaublich, an wie viele Sehenswürdigkeiten man heranrennt, wenn man planlos durch eine Stadt zieht.  Pärke, genutzt von jungen Eltern und Sportlern, lange Alleen, von Orangenbäumen gesäumt, und immer wieder steht man vor einem anderen beeindruckenden Bauwerk, dessen Geschichte man anhand von Verzierungen und Mustern vielleicht erahnen könnte. Vielseitig wird sie auf jeden Fall gewesen sein.
Sprachliche Schwierigkeiten zeigen sich momentan noch überall, und ich werde froh sein, wenn ich mich dann einigermassen in Spanisch ausdrücken kann - schon die Suche nach einem Adapter für die Steckdose bringt mich an die kommunikativen Grenzen.
Ins Blaue zu wandern ist einfach, zurückzufinden eine andere Sache. So dauert der Heimweg dann auch einiges länger als geplant, aber auch das ist irgendwann geschafft. Nach kurzer Erholung im Zimmer mache ich mich dann auf, Sevilla von seiner verführerischen Seite auszukundschaften - bei Nacht. 
Und verführerisch ist sie, diese Stadt, und nicht erst ab 22:30, wenn aus jeder Bar lebhaftes Stimmengewirr junger Menschen dringt und man ab und an Strassenmusiker Flamenco spielen hört. Sevillas Plätze und Kirchen in rotes Abendlicht getaucht und rötliche Wolken am Horizont, während unter einem der Fluss hindurchrauscht - in solchen Momenten wird einem bewusst, dass man im Süden angekommen ist.