Nach 5 Wochen in Sevilla glaubt man, dass man sich nicht mehr so schnell überraschen lässt. An die Künstler auf der Strasse, deren Auswahl von aller Art Musiker und Tänzer über Graffitikünstler bis hin zu einer absurden Art von theatralischer Darstellungskunst reicht, hat man sich längst gewohnt, den Frauen, die dir vor der Kathedrale einen Thymianzweig in die Hand drücken und deine Zukunft voraussagen wollen, um dir anschliessend etwas Geld abzuknöpfen, hast du auszuweichen gelernt und Papa Schlumpf habe ich seit Fronleichnam sowieso nicht mehr gesehen. Da hat er aus einem mir unbekannten Grund Massagen verteilt.
Doch Sevillaner haben eine Vorliebe für Märsche und Prozessionen in grossen Gruppen, das zeigen sie jeweils bei hohen christlichen Festen und am schönsten während der "Semana Santa", der Karwoche. Was sich letzthin abspielte, erinnerte aber mehr an eine Demonstration. Voraus zwei Polizisten auf Motorräder, dahinter eine Menschenmasse, die sich langsam vorwärts bewegt. Transparente ragen in die Luft, die Menschen schreien, rufen, beginnen zu singen. Eine Demonstration gegen die schlechte Wirtschaftslage, eine politische Kundgebung? Ich kann mir einiges vorstellen, doch mit dem, was ich auf dem ersten Transparent lese, habe ich nicht gerechnet:
"¡Jesucristo vive y te ama!"
Offensichtlich ist dies hier keine politische, sondern eine religiöse Kundgebung. Das Lesen der restlichen Plakate macht klar: Es geht nicht um irgendein politisches Statement, sondern ist schlichtweg ein religiöser Umzug. Und schon strömen aus der bewegenden Menschenmasse Männer aus und verteilen dünne Prospekte.
Das Selbstwertgefühl steigt beim Lesen der kleinen Booklets nicht unbedingt. "Alle sind wir Sünder, alle werden wir sterben und das ewige Leben verdienen wir nicht!" Die Rückseite verrät: Aha, da haben wir es nicht mit einem katholischen Umzug zu tun - hier ist die Evangelische Kirche Sevillas am Werk. Versucht sich hier, eine konfessionelle Minderheit Gehör zu verschaffen? Immerhin stellt man sich Spanien generell als katholisches Land vor.
Der Katholizismus ist wohl immer noch ein sehr prägendes Element in der spanischen Gesellschaft: Einige der wichtigsten Feste, gerade in Sevilla, sind eindeutig religiösen Ursprungs. Die Semana Santa, das Volksfest in Sevilla schlechthin, ist das beste Beispiel dafür. Jeden Tag ziehen religiöse Prozessionen durch die Altstadt, in der man sich kaum bewegen kann, weil jeder einzelne Sevillaner auf der Strasse zu schein scheint. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Sevillas sind Kirchen, und denkt man an die spanische Inquisition, dann erscheint es klar, dass die Katholische Kirche tiefe Spuren in diesem Land hinterlassen hat. Zudem weist Spanien einen hohen Anteil an religiösen Fernsehsendern auf, in deren Programmen aktuelle Themen besprochen werden oder die Fernsehaufnahmen von vergangenen Festivitäten zeigen. Die Emotionalität, die da zuweilen zu sehen ist, grenzt oft ans Absurde.
Und doch, so höre ich von verschiedenen Seiten, wird dieser Kult immer mehr zum Schein. Der Grund, warum die Semana Santa dermassen populär und gut besucht ist, ist für viele wohl weniger eine religiöse Idee als eine traditionelle - und sowieso ein guter Grund, bis spät in die Nacht auszugehen. Auch die Tatsache, dass immer noch sehr viele Leute ihre Kinder auf private, religiös geprägte Schulen schicken, ist nicht unbedingt Beweis für eine tiefgläubige Gesellschaft - vielmehr geniessen diese Schulen wohl schlicht einen besseren Ruf als die öffentlichen Institutionen. Die Mehrheit der Leute nennt sich noch katholisch, aber die Zahl der regelmässigen Kirchengänger nimmt ab - die Situation, wie sie mir geschildert wird, erinnert mich ein wenig an die Schweiz. Die Anzahl Austritte aus der Kirche dürfte hier allerdings tiefer sein, dafür ist die Tradition noch zu fest verankert. Aber auch die Zahl der Konvertiten, zum Beispiel zum Islam, nimmt zu.
Die beschriebene Kundgebung, so erfahre ich schliesslich im Gespräch mit einer reformierten Frau, ist ein Anlass, den die Angehörigen der evangelischen Kirche Sevilla einmal im Jahr macht - tatsächlich ohne irgendeinen spezifischen Hintergrund, sondern nur, um ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Die ausgelassene Stimmung, die tanzenden Leute und die fröhliche Musik liessen jedenfalls nichts von dem spiessigen Image erkennen, das christlichen Kirchen zuweilen anhaftet. Allerdings scheint hier auch wohl der andalusische Geist durch.
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