Man könnte sie beneiden, die Spanier - und die Gaditanos speziell. Praktisch jeden Tag Sonne, wunderbare Strände und den grossen Swimming-Pool praktisch vor der Hütte. Es wäre ein wunderbares Leben, wäre da nicht die Wirtschaft.
Als Tourist kommt man hierher, bleibt eine, zwei oder auch drei Wochen, deponiert eine Menge Geld und geht wieder. Man will abschalten und seine Ruhe, den Strand und das Meer geniessen. Der Blick auf die Gesellschaft, in deren Land man sich gerade aufhält, ist dabei nicht unbedingt wichtig. Verbringt man aber mehr Zeit in einem Land, dann geht man auch mit der Erwartung ran, einen etwas tieferen Einblick in die Verhältnisse der Menschen zu bekommen. Und je länger man hier ist, desto mehr Dinge fallen einem auf.
Auf den ersten Blick hatte ich nicht den Eindruck, mich in dem Land mit der höchsten Arbeitslosigkeitsquote in Europa aufzuhalten. Natürlich, man sah und sieht Bettler auf den Strassen, und die Anzahl Strassenmusker ist speziell in Sevilla überdurchschnittlich hoch, aber die Leute sind fröhlich, die Stimmung ist ausgelassen - das Volk wirkt zufrieden.
Und doch realisiert man an einem Punkt, dass da sehr viele Wohnungen verkauft oder vermietet werden. Dass der Grund für die vielen Jugendlichen an der Alameda de Hercules oder am Playa de Victoria wohl der ist, dass sie keine Arbeit haben. Dass der Bettler, der auf seiner Decke sitzt, die Nacht wohl am genau gleichen Ort verbringen wird. Es ist mir auch mehrmals passiert, dass ich mir einen anderen Geldautomaten suchen musste, weil vor demjenigen, der sich im Eingangsraum der Bank befindet, Leute schliefen. Am Tag scheint die andalusische Welt in Ordnung, gerade wenn man sich eher an den touristischen Orten aufhält - und in Cádiz ist praktisch alles touristisch. Hier sind die Leute darauf bedacht, alles im besten Licht darzustellen. In der Nacht allerdings kann man häufig die andere Seite erkennen.
Die Leute haben kein Geld, das ist der Tenor, ganz egal, mit wem man spricht. Der Staat kürzt wo er kann, und wer Arbeit hat, kann sich glücklich schätzen. Dementsprechend pessimistisch ist die Perspektive der Jugendlichen, praktisch niemand gedenkt, im Heimatland zu bleiben. Im Gespräch mit Studenten tönt es praktisch unisono: "Ich studiere, damit ich im Ausland arbeiten kann". Der Zulauf von Spaniern an Sprachschulen ist enorm. Meine Schule bietet nebst Spanisch Kurse in Englisch, Deutsch und Französisch an - in Sevilla kommen noch mehr Sprachen dazu. Und sie sind gut besucht, von Kindern, die kaum dem Vorschulalter entwachsen zu sein scheinen bis hin zu Erwachsenen im fortgeschrittenen Alter - der Druck, mindestens eine Fremdsprache zu beherrschen, am besten noch mehr, scheint zuzunehmen.
Mit der Krise kommt auch die Kreativität. In kleinen Dörfern existieren Tauschmodi, die nicht mehr mit Geld, sondern mit anderen, abstrakten Werten funktionieren. Die Idee ist, dass man Dienste anbietet - beispielsweise Nachhilfeunterricht, Yogakurse - halt, worin man gut ist - und sich dafür nicht mit Geld, sondern in der abstrakten Währung bezahlen lässt. Für diese Summe kann man sich dann eine andere Dienstleistung "kaufen". Und das System scheint zu funktionieren, darüber hinaus sagt man sogar, dass es den sozialen Zusammenhalt fördere, weil jeder so einen Teil zum Leben in der Gesellschaft beiträgt. Sehr hoffnungsvoll klingen die Leute nicht, wenn von Wirtschaft die Rede ist - aber die Spanier sind ein Volk, das sich zu helfen weiss.
Donnerstag, 27. Juni 2013
Dienstag, 18. Juni 2013
Ein neues Kapitel
Nach dem Verabschieden mache ich mich am Sonntag auf den Weg und verlasse das Haus meiner Familie genau gleich bepackt, wie ich vor 6 Wochen angekommen bin. Ich fühle mich wieder am gleichen Punkt - auf der Schwelle zu etwas Neuem und ohne Ahnung, was da kommt. Und so steige ich, mit dem Versuch, keine Erwartungen zu hegen sondern mich überraschen zu lassen, in den Zug, der mich durch die vielseitige andalusische Landschaft nach Cádiz bringen wird.
Nach etwa 90 Minuten Fahrt taucht das Meer urplötzlich auf, man würde es gar nicht erwarten. Aus einer sanften Kurve heraus erstreckt sich plötzlich das endlos scheinende Wasser vor einem und gibt eine ungefähre Idee, warum Cádiz ein sehr beliebter Ferienort ist - auch unter Andalusiern.
Dann finde ich mich auch schon vor dem Haus meiner zukünftigen Gastfamilie wieder, und schon bald habe ich mein Zimmer bezogen und die Leute kennengelernt. Der andere Student in meiner Wohnung - ein Zuger, so verliere ich mein Schweizerdeutsch sicher nicht - führt mich am Abend durch die Stadt, damit ich einen ersten Eindruck bekomme.
Die kleine Stadt ist eine Halbinsel, auf drei Seiten vom Meer umgeben, und einer der Strände befindet sich direkt vor unserer Haustüre. Natürlich ist das Meer daher eine der wichtigsten "Sehenswürdigkeiten" von Cádiz - obwohl die Einwohner nicht müde werden, zu erwähnen, dass man sich gerade in der ältesten Stadt des Okzidents befindet - anscheinend ist sie über 3000 Jahre alt. Der Sage nach soll sie sogar Herkules selbst gegründet haben - obwohl die andalusischen Städte generell die Tendenz haben, das zu behaupten. Von Sevilla habe ich es auch schon gehört.
Natürlich hat die lange Geschichte Cádiz' Spuren hinterlassen, und auch hier finden sich viele alte Gebäude und Kirchen von verschiedenen Zeitaltern. Allerdings ist es ein relativ kleiner Ort, und man kennt die wichtigen Orte relativ schnell, wie man auch die kulturell wichtigen Plätze schnell kennen wird.
Eine andalusische Stadt gleicht der nächsten - gleich benannte Plätze und Strassen, ähnliche Architektur und die Strassen in den verschiedenen Altstädten sehen sowieso immer gleich aus. Der Vorteil an Cádiz ist, dass du dich immer am Meer orientieren kannst, das du sehr schnell erreichen wirst - egal, in welche Himmelsrichtung du losziehst.
Natürlich sind die Eindrücke von Sevilla noch da, und ein Wechsel wie dieser braucht seine Angewöhnungszeit. Aber spätestens am zweiten Tag, wenn man am Strand liegt, die Sonne und den abkühlenden Wind (der in Sevilla fehlt) geniesst und ein erstes Bad im Meer nimmt, beginnt man zu realisieren, dass es sich hier ebenso gut leben lässt.
Nach etwa 90 Minuten Fahrt taucht das Meer urplötzlich auf, man würde es gar nicht erwarten. Aus einer sanften Kurve heraus erstreckt sich plötzlich das endlos scheinende Wasser vor einem und gibt eine ungefähre Idee, warum Cádiz ein sehr beliebter Ferienort ist - auch unter Andalusiern.
Dann finde ich mich auch schon vor dem Haus meiner zukünftigen Gastfamilie wieder, und schon bald habe ich mein Zimmer bezogen und die Leute kennengelernt. Der andere Student in meiner Wohnung - ein Zuger, so verliere ich mein Schweizerdeutsch sicher nicht - führt mich am Abend durch die Stadt, damit ich einen ersten Eindruck bekomme.
Die kleine Stadt ist eine Halbinsel, auf drei Seiten vom Meer umgeben, und einer der Strände befindet sich direkt vor unserer Haustüre. Natürlich ist das Meer daher eine der wichtigsten "Sehenswürdigkeiten" von Cádiz - obwohl die Einwohner nicht müde werden, zu erwähnen, dass man sich gerade in der ältesten Stadt des Okzidents befindet - anscheinend ist sie über 3000 Jahre alt. Der Sage nach soll sie sogar Herkules selbst gegründet haben - obwohl die andalusischen Städte generell die Tendenz haben, das zu behaupten. Von Sevilla habe ich es auch schon gehört.
Natürlich hat die lange Geschichte Cádiz' Spuren hinterlassen, und auch hier finden sich viele alte Gebäude und Kirchen von verschiedenen Zeitaltern. Allerdings ist es ein relativ kleiner Ort, und man kennt die wichtigen Orte relativ schnell, wie man auch die kulturell wichtigen Plätze schnell kennen wird.
Eine andalusische Stadt gleicht der nächsten - gleich benannte Plätze und Strassen, ähnliche Architektur und die Strassen in den verschiedenen Altstädten sehen sowieso immer gleich aus. Der Vorteil an Cádiz ist, dass du dich immer am Meer orientieren kannst, das du sehr schnell erreichen wirst - egal, in welche Himmelsrichtung du losziehst.
Natürlich sind die Eindrücke von Sevilla noch da, und ein Wechsel wie dieser braucht seine Angewöhnungszeit. Aber spätestens am zweiten Tag, wenn man am Strand liegt, die Sonne und den abkühlenden Wind (der in Sevilla fehlt) geniesst und ein erstes Bad im Meer nimmt, beginnt man zu realisieren, dass es sich hier ebenso gut leben lässt.
Samstag, 15. Juni 2013
Vor dem Wechsel
Der Wermutstropfen meiner Zeit an der Schule hier war, dass die meisten Leute nur für zwei oder drei Wochen in Sevilla waren. Praktisch jede Woche lernt man neue Freunde kennen, praktisch jede Woche muss man welche verabschieden, die schon wieder gehen. Nun bin ich an der Reihe.
Obwohl dies keineswegs das Ende meiner Reise ist, ist es nicht ganz einfach, Sevilla zu verlassen. Ab einem Punkt fühlt man sich eher wie zuhause und nicht mehr so als Tourist, auch wenn die Kellner immer noch oft glauben, ihr schreckliches Englisch auspacken zu müssen, um eine Verständigung möglich zu machen. Endlich findet man sich in der ganzen Altstadt mühelos zurecht, kennt die besseren und schlechteren Restaurants und Bars und hat sich gut in den Rhythmus der Stadt eingelebt. Man kennt seine Lehrer und Familie mittlerweile ziemlich gut, und durch das "Intercambio"-System der Schule lernt man sogar Jugendliche kennen, die hier zuhause sind.
Und es sind nicht nur die Menschen, an die man sich schon gewöhnt hat. Es ist die Stadt, mit allem drum und dran, mit ihren wunderbaren Seiten, wie den fantastischen Sonnenuntergängen, den Aussichten auf den verschiedenen Brücken oder der Musik - und auf der anderen Seiten die nervigen Dinge, wie der beissende Gestank, der gewisse Gassen der Altstadt verpestet, der achtlose Umgang mit Müll oder die manchmal penetranten Verkäufer auf den Strassen. All diese Eindrücke in der Summe machen den Charme eines Ortes aus, und dafür lernt man den Ort zu lieben. Sevilla, das bleibt zu sagen, ist die schönste Stadt, die ich bisher kennengelernt habe, immer gut für eine Überraschung. In alledem ist es ein wunderbares Beispiel für die spanische Mentalität.
Doch nun heisst es packen, sich verabschieden, den letzten Abend noch zu geniessen - und dann steht der Tapetenwechsel an. Über Cádiz habe ich mittlerweile alles gehört - wunderschön, langweilig, genau so heiss wie Sevilla, kühler als Sevilla - offenbar eine sehr subjektiv wahrnehmbare Stadt. Aber es scheint in jedem Falle eine gute Idee, einen Sommer mit Temperaturen bis zu 50 Grad an einem Ort nahe am Meer zu verbringen. Die Hitze hier in Sevilla, darin sind sich alle einig, ist im Hochsommer unerträglich. Das einzig sinnvolle, das man machen kann, ist eine Siesta. Und so flüchte ich mich, bevor das Temperaturinferno richtig losgeht, und verlasse den Ort, dem ich so viele Erinnerungen und Erfahrungen verdanke, um mich erneut an einem völlig fremden Ort einzuleben. Klar ist nur - mein letzter Aufenthalt in Sevilla war das nicht.
Obwohl dies keineswegs das Ende meiner Reise ist, ist es nicht ganz einfach, Sevilla zu verlassen. Ab einem Punkt fühlt man sich eher wie zuhause und nicht mehr so als Tourist, auch wenn die Kellner immer noch oft glauben, ihr schreckliches Englisch auspacken zu müssen, um eine Verständigung möglich zu machen. Endlich findet man sich in der ganzen Altstadt mühelos zurecht, kennt die besseren und schlechteren Restaurants und Bars und hat sich gut in den Rhythmus der Stadt eingelebt. Man kennt seine Lehrer und Familie mittlerweile ziemlich gut, und durch das "Intercambio"-System der Schule lernt man sogar Jugendliche kennen, die hier zuhause sind.
Und es sind nicht nur die Menschen, an die man sich schon gewöhnt hat. Es ist die Stadt, mit allem drum und dran, mit ihren wunderbaren Seiten, wie den fantastischen Sonnenuntergängen, den Aussichten auf den verschiedenen Brücken oder der Musik - und auf der anderen Seiten die nervigen Dinge, wie der beissende Gestank, der gewisse Gassen der Altstadt verpestet, der achtlose Umgang mit Müll oder die manchmal penetranten Verkäufer auf den Strassen. All diese Eindrücke in der Summe machen den Charme eines Ortes aus, und dafür lernt man den Ort zu lieben. Sevilla, das bleibt zu sagen, ist die schönste Stadt, die ich bisher kennengelernt habe, immer gut für eine Überraschung. In alledem ist es ein wunderbares Beispiel für die spanische Mentalität.
Doch nun heisst es packen, sich verabschieden, den letzten Abend noch zu geniessen - und dann steht der Tapetenwechsel an. Über Cádiz habe ich mittlerweile alles gehört - wunderschön, langweilig, genau so heiss wie Sevilla, kühler als Sevilla - offenbar eine sehr subjektiv wahrnehmbare Stadt. Aber es scheint in jedem Falle eine gute Idee, einen Sommer mit Temperaturen bis zu 50 Grad an einem Ort nahe am Meer zu verbringen. Die Hitze hier in Sevilla, darin sind sich alle einig, ist im Hochsommer unerträglich. Das einzig sinnvolle, das man machen kann, ist eine Siesta. Und so flüchte ich mich, bevor das Temperaturinferno richtig losgeht, und verlasse den Ort, dem ich so viele Erinnerungen und Erfahrungen verdanke, um mich erneut an einem völlig fremden Ort einzuleben. Klar ist nur - mein letzter Aufenthalt in Sevilla war das nicht.
Mittwoch, 12. Juni 2013
"¡Cristo vive!"
Nach 5 Wochen in Sevilla glaubt man, dass man sich nicht mehr so schnell überraschen lässt. An die Künstler auf der Strasse, deren Auswahl von aller Art Musiker und Tänzer über Graffitikünstler bis hin zu einer absurden Art von theatralischer Darstellungskunst reicht, hat man sich längst gewohnt, den Frauen, die dir vor der Kathedrale einen Thymianzweig in die Hand drücken und deine Zukunft voraussagen wollen, um dir anschliessend etwas Geld abzuknöpfen, hast du auszuweichen gelernt und Papa Schlumpf habe ich seit Fronleichnam sowieso nicht mehr gesehen. Da hat er aus einem mir unbekannten Grund Massagen verteilt.
Doch Sevillaner haben eine Vorliebe für Märsche und Prozessionen in grossen Gruppen, das zeigen sie jeweils bei hohen christlichen Festen und am schönsten während der "Semana Santa", der Karwoche. Was sich letzthin abspielte, erinnerte aber mehr an eine Demonstration. Voraus zwei Polizisten auf Motorräder, dahinter eine Menschenmasse, die sich langsam vorwärts bewegt. Transparente ragen in die Luft, die Menschen schreien, rufen, beginnen zu singen. Eine Demonstration gegen die schlechte Wirtschaftslage, eine politische Kundgebung? Ich kann mir einiges vorstellen, doch mit dem, was ich auf dem ersten Transparent lese, habe ich nicht gerechnet:
"¡Jesucristo vive y te ama!"
Offensichtlich ist dies hier keine politische, sondern eine religiöse Kundgebung. Das Lesen der restlichen Plakate macht klar: Es geht nicht um irgendein politisches Statement, sondern ist schlichtweg ein religiöser Umzug. Und schon strömen aus der bewegenden Menschenmasse Männer aus und verteilen dünne Prospekte.
Das Selbstwertgefühl steigt beim Lesen der kleinen Booklets nicht unbedingt. "Alle sind wir Sünder, alle werden wir sterben und das ewige Leben verdienen wir nicht!" Die Rückseite verrät: Aha, da haben wir es nicht mit einem katholischen Umzug zu tun - hier ist die Evangelische Kirche Sevillas am Werk. Versucht sich hier, eine konfessionelle Minderheit Gehör zu verschaffen? Immerhin stellt man sich Spanien generell als katholisches Land vor.
Der Katholizismus ist wohl immer noch ein sehr prägendes Element in der spanischen Gesellschaft: Einige der wichtigsten Feste, gerade in Sevilla, sind eindeutig religiösen Ursprungs. Die Semana Santa, das Volksfest in Sevilla schlechthin, ist das beste Beispiel dafür. Jeden Tag ziehen religiöse Prozessionen durch die Altstadt, in der man sich kaum bewegen kann, weil jeder einzelne Sevillaner auf der Strasse zu schein scheint. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Sevillas sind Kirchen, und denkt man an die spanische Inquisition, dann erscheint es klar, dass die Katholische Kirche tiefe Spuren in diesem Land hinterlassen hat. Zudem weist Spanien einen hohen Anteil an religiösen Fernsehsendern auf, in deren Programmen aktuelle Themen besprochen werden oder die Fernsehaufnahmen von vergangenen Festivitäten zeigen. Die Emotionalität, die da zuweilen zu sehen ist, grenzt oft ans Absurde.
Und doch, so höre ich von verschiedenen Seiten, wird dieser Kult immer mehr zum Schein. Der Grund, warum die Semana Santa dermassen populär und gut besucht ist, ist für viele wohl weniger eine religiöse Idee als eine traditionelle - und sowieso ein guter Grund, bis spät in die Nacht auszugehen. Auch die Tatsache, dass immer noch sehr viele Leute ihre Kinder auf private, religiös geprägte Schulen schicken, ist nicht unbedingt Beweis für eine tiefgläubige Gesellschaft - vielmehr geniessen diese Schulen wohl schlicht einen besseren Ruf als die öffentlichen Institutionen. Die Mehrheit der Leute nennt sich noch katholisch, aber die Zahl der regelmässigen Kirchengänger nimmt ab - die Situation, wie sie mir geschildert wird, erinnert mich ein wenig an die Schweiz. Die Anzahl Austritte aus der Kirche dürfte hier allerdings tiefer sein, dafür ist die Tradition noch zu fest verankert. Aber auch die Zahl der Konvertiten, zum Beispiel zum Islam, nimmt zu.
Die beschriebene Kundgebung, so erfahre ich schliesslich im Gespräch mit einer reformierten Frau, ist ein Anlass, den die Angehörigen der evangelischen Kirche Sevilla einmal im Jahr macht - tatsächlich ohne irgendeinen spezifischen Hintergrund, sondern nur, um ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Die ausgelassene Stimmung, die tanzenden Leute und die fröhliche Musik liessen jedenfalls nichts von dem spiessigen Image erkennen, das christlichen Kirchen zuweilen anhaftet. Allerdings scheint hier auch wohl der andalusische Geist durch.
Doch Sevillaner haben eine Vorliebe für Märsche und Prozessionen in grossen Gruppen, das zeigen sie jeweils bei hohen christlichen Festen und am schönsten während der "Semana Santa", der Karwoche. Was sich letzthin abspielte, erinnerte aber mehr an eine Demonstration. Voraus zwei Polizisten auf Motorräder, dahinter eine Menschenmasse, die sich langsam vorwärts bewegt. Transparente ragen in die Luft, die Menschen schreien, rufen, beginnen zu singen. Eine Demonstration gegen die schlechte Wirtschaftslage, eine politische Kundgebung? Ich kann mir einiges vorstellen, doch mit dem, was ich auf dem ersten Transparent lese, habe ich nicht gerechnet:
"¡Jesucristo vive y te ama!"
Offensichtlich ist dies hier keine politische, sondern eine religiöse Kundgebung. Das Lesen der restlichen Plakate macht klar: Es geht nicht um irgendein politisches Statement, sondern ist schlichtweg ein religiöser Umzug. Und schon strömen aus der bewegenden Menschenmasse Männer aus und verteilen dünne Prospekte.
Das Selbstwertgefühl steigt beim Lesen der kleinen Booklets nicht unbedingt. "Alle sind wir Sünder, alle werden wir sterben und das ewige Leben verdienen wir nicht!" Die Rückseite verrät: Aha, da haben wir es nicht mit einem katholischen Umzug zu tun - hier ist die Evangelische Kirche Sevillas am Werk. Versucht sich hier, eine konfessionelle Minderheit Gehör zu verschaffen? Immerhin stellt man sich Spanien generell als katholisches Land vor.
Der Katholizismus ist wohl immer noch ein sehr prägendes Element in der spanischen Gesellschaft: Einige der wichtigsten Feste, gerade in Sevilla, sind eindeutig religiösen Ursprungs. Die Semana Santa, das Volksfest in Sevilla schlechthin, ist das beste Beispiel dafür. Jeden Tag ziehen religiöse Prozessionen durch die Altstadt, in der man sich kaum bewegen kann, weil jeder einzelne Sevillaner auf der Strasse zu schein scheint. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Sevillas sind Kirchen, und denkt man an die spanische Inquisition, dann erscheint es klar, dass die Katholische Kirche tiefe Spuren in diesem Land hinterlassen hat. Zudem weist Spanien einen hohen Anteil an religiösen Fernsehsendern auf, in deren Programmen aktuelle Themen besprochen werden oder die Fernsehaufnahmen von vergangenen Festivitäten zeigen. Die Emotionalität, die da zuweilen zu sehen ist, grenzt oft ans Absurde.
Und doch, so höre ich von verschiedenen Seiten, wird dieser Kult immer mehr zum Schein. Der Grund, warum die Semana Santa dermassen populär und gut besucht ist, ist für viele wohl weniger eine religiöse Idee als eine traditionelle - und sowieso ein guter Grund, bis spät in die Nacht auszugehen. Auch die Tatsache, dass immer noch sehr viele Leute ihre Kinder auf private, religiös geprägte Schulen schicken, ist nicht unbedingt Beweis für eine tiefgläubige Gesellschaft - vielmehr geniessen diese Schulen wohl schlicht einen besseren Ruf als die öffentlichen Institutionen. Die Mehrheit der Leute nennt sich noch katholisch, aber die Zahl der regelmässigen Kirchengänger nimmt ab - die Situation, wie sie mir geschildert wird, erinnert mich ein wenig an die Schweiz. Die Anzahl Austritte aus der Kirche dürfte hier allerdings tiefer sein, dafür ist die Tradition noch zu fest verankert. Aber auch die Zahl der Konvertiten, zum Beispiel zum Islam, nimmt zu.
Die beschriebene Kundgebung, so erfahre ich schliesslich im Gespräch mit einer reformierten Frau, ist ein Anlass, den die Angehörigen der evangelischen Kirche Sevilla einmal im Jahr macht - tatsächlich ohne irgendeinen spezifischen Hintergrund, sondern nur, um ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Die ausgelassene Stimmung, die tanzenden Leute und die fröhliche Musik liessen jedenfalls nichts von dem spiessigen Image erkennen, das christlichen Kirchen zuweilen anhaftet. Allerdings scheint hier auch wohl der andalusische Geist durch.
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