Am ersten Tage tropfte es nur leicht von der Decke. Die Professoren von Clic stellten einen Eimer drunter, riefen den Klempner und gut wars. Am zweiten Tage hiess es, das WC im oberen Stock könne nicht mehr benutzt werden. Dies bezweifelte spätestens dann niemand mehr, als der halbe Flur überflutet war - Geruchserlebnis selbstverständlich mitgeliefert. Wer nicht im Klassenzimmer sass, griff zum Wischmob und versuchte, die wachsende Pfütze einzudämmen. Im unteren Stock bot sich das gleiche Bild, und momentan klafft ein grosses Loch in der Decke. Die Nachmittagslektionen fanden an diesem Freitag in einer Bar statt.
Dies war Ende letzter Woche, und als ich heute die Schule betrat, bot sich mir erneut das gleiche Bild. Das Haus, in dem die Sprachschule untergebracht ist, ist nicht in bestem Zustand. Selbstverständlich ist es in guter Gesellschaft - die besten und stabilsten Bauwerke in Cádiz sind wohl die Kathedrale und die über 500 Jahre alten Türme. Was der Bauboom in den Jahren vor der Krise aus dem Boden gestampft hat, ist entweder schlecht konstruiert, hässlich oder beides. Ein Bild, das sich nicht wahnsinnig ändert, ob man sich jetzt am Mittelmeer oder an der Atlantikküste befindet. Andalusien ist von billigen Bauwerken durchzogen.
Natürlich ist das Teil des Spiels. Ich erwarte von einem Block in der Innenstadt von Cádiz keine blanke Fassade - und doch lässt die Vernachlässigung einiger Gebäude auf den Grundtenor schliessen: Solange es nicht zusammenkracht, funktionierts auch.
Dass die Krise einigermassen plötzlich kam, ist leicht zu erkennen. Bei einem Rundgang durch Cádiz trifft man auf grosse Löcher, die ursprünglich für ein Bauvorhaben aufgerissen worden waren, das in nächster Zeit wohl nicht fertiggestellt wird, auf Anzeigen, die Spitäler und andere Bauwerke versprechen, und mein Favorit ist die angefangene Brücke.
Die Idee war, nebst der natürlichen Landverbindung und der Autobrücke eine dritte Verbindung zum Festland herzustellen, um etwas gegen den täglichen Stau zu unternehmen. Auch dieses Projekt wurde von der Krise überrascht: Die Pfeiler stehen im Wasser, und vielleicht hundert Meter Brücke ragen in die Luft. Niemand weiss, wann das Ding je fertig wird.
In der Altstadt steht eine grosse Mauer nahe der Kathedrale wo im Moment Ausgrabungen getätigt werden. Man hat Überreste eines uralten römischen Kolosseums gefunden, wahrscheinlich eines der ältesten überhaupt. Doch auch hier dieselbe Geschichte: Die wenigen Bauarbeiter, die da graben, kommen natürlich nicht so schnell vorwärts wie dazumal, als sie noch mehr Kollegen hatten. Die Wirtschaftslage visualisiert sich in dem Erscheinungsbild dieses Landes, dieses Ortes - und so hübsch sie insgesamt ist, momentan weist die "Stadt, die lächelt" einige Zahnlücken auf.
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