Donnerstag, 27. Juni 2013

Land in der Krise

Man könnte sie beneiden, die Spanier - und die Gaditanos speziell. Praktisch jeden Tag Sonne, wunderbare Strände und den grossen Swimming-Pool praktisch vor der Hütte. Es wäre ein wunderbares Leben, wäre da nicht die Wirtschaft.
Als Tourist kommt man hierher, bleibt eine, zwei oder auch drei Wochen, deponiert eine Menge Geld und geht wieder. Man will abschalten und seine Ruhe, den Strand und das Meer geniessen. Der Blick auf die Gesellschaft, in deren Land man sich gerade aufhält, ist dabei nicht unbedingt wichtig. Verbringt man aber mehr Zeit in einem Land, dann geht man auch mit der Erwartung ran, einen etwas tieferen Einblick in die Verhältnisse der Menschen zu bekommen. Und je länger man hier ist, desto mehr Dinge fallen einem auf.
Auf den ersten Blick hatte ich nicht den Eindruck, mich in dem Land mit der höchsten Arbeitslosigkeitsquote in Europa aufzuhalten. Natürlich, man sah und sieht Bettler auf den Strassen, und die Anzahl Strassenmusker ist speziell in Sevilla überdurchschnittlich hoch, aber die Leute sind fröhlich, die Stimmung ist ausgelassen - das Volk wirkt zufrieden.
Und doch realisiert man an einem Punkt, dass da sehr viele Wohnungen verkauft oder vermietet werden.  Dass der Grund für die vielen Jugendlichen an der Alameda de Hercules oder am Playa de Victoria wohl der ist, dass sie keine Arbeit haben. Dass der Bettler, der auf seiner Decke sitzt, die Nacht wohl am genau gleichen Ort verbringen wird. Es ist mir auch mehrmals passiert, dass ich mir einen anderen Geldautomaten suchen musste, weil vor demjenigen, der sich im Eingangsraum der Bank befindet, Leute schliefen. Am Tag scheint die andalusische Welt in Ordnung, gerade wenn man sich eher an den touristischen Orten aufhält - und in Cádiz ist praktisch alles touristisch. Hier sind die Leute darauf bedacht, alles im besten Licht darzustellen. In der Nacht allerdings kann man häufig die andere Seite erkennen.
Die Leute haben kein Geld, das ist der Tenor, ganz egal, mit wem man spricht. Der Staat kürzt wo er kann, und wer Arbeit hat, kann sich glücklich schätzen. Dementsprechend pessimistisch ist die Perspektive der Jugendlichen, praktisch niemand gedenkt, im Heimatland zu bleiben. Im Gespräch mit Studenten tönt es praktisch unisono: "Ich studiere, damit ich im Ausland arbeiten kann". Der Zulauf von Spaniern an Sprachschulen ist enorm. Meine Schule bietet nebst Spanisch Kurse in Englisch, Deutsch und Französisch an - in Sevilla kommen noch mehr Sprachen dazu. Und sie sind gut besucht, von Kindern, die kaum dem Vorschulalter entwachsen zu sein scheinen bis hin zu Erwachsenen im fortgeschrittenen Alter - der Druck, mindestens eine Fremdsprache zu beherrschen, am besten noch mehr, scheint zuzunehmen.
Mit der Krise kommt auch die Kreativität. In kleinen Dörfern existieren Tauschmodi, die nicht mehr mit Geld, sondern mit anderen, abstrakten Werten funktionieren. Die Idee ist, dass man Dienste anbietet - beispielsweise Nachhilfeunterricht, Yogakurse - halt, worin man gut ist - und sich dafür nicht mit Geld, sondern in der abstrakten Währung bezahlen lässt. Für diese Summe kann man sich dann eine andere Dienstleistung "kaufen". Und das System scheint zu funktionieren, darüber hinaus sagt man sogar, dass es den sozialen Zusammenhalt fördere, weil jeder so einen Teil zum Leben in der Gesellschaft beiträgt. Sehr hoffnungsvoll klingen die Leute nicht, wenn von Wirtschaft die Rede ist - aber die Spanier sind ein Volk, das sich zu helfen weiss.

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