Der Wermutstropfen meiner Zeit an der Schule hier war, dass die meisten Leute nur für zwei oder drei Wochen in Sevilla waren. Praktisch jede Woche lernt man neue Freunde kennen, praktisch jede Woche muss man welche verabschieden, die schon wieder gehen. Nun bin ich an der Reihe.
Obwohl dies keineswegs das Ende meiner Reise ist, ist es nicht ganz einfach, Sevilla zu verlassen. Ab einem Punkt fühlt man sich eher wie zuhause und nicht mehr so als Tourist, auch wenn die Kellner immer noch oft glauben, ihr schreckliches Englisch auspacken zu müssen, um eine Verständigung möglich zu machen. Endlich findet man sich in der ganzen Altstadt mühelos zurecht, kennt die besseren und schlechteren Restaurants und Bars und hat sich gut in den Rhythmus der Stadt eingelebt. Man kennt seine Lehrer und Familie mittlerweile ziemlich gut, und durch das "Intercambio"-System der Schule lernt man sogar Jugendliche kennen, die hier zuhause sind.
Und es sind nicht nur die Menschen, an die man sich schon gewöhnt hat. Es ist die Stadt, mit allem drum und dran, mit ihren wunderbaren Seiten, wie den fantastischen Sonnenuntergängen, den Aussichten auf den verschiedenen Brücken oder der Musik - und auf der anderen Seiten die nervigen Dinge, wie der beissende Gestank, der gewisse Gassen der Altstadt verpestet, der achtlose Umgang mit Müll oder die manchmal penetranten Verkäufer auf den Strassen. All diese Eindrücke in der Summe machen den Charme eines Ortes aus, und dafür lernt man den Ort zu lieben. Sevilla, das bleibt zu sagen, ist die schönste Stadt, die ich bisher kennengelernt habe, immer gut für eine Überraschung. In alledem ist es ein wunderbares Beispiel für die spanische Mentalität.
Doch nun heisst es packen, sich verabschieden, den letzten Abend noch zu geniessen - und dann steht der Tapetenwechsel an. Über Cádiz habe ich mittlerweile alles gehört - wunderschön, langweilig, genau so heiss wie Sevilla, kühler als Sevilla - offenbar eine sehr subjektiv wahrnehmbare Stadt. Aber es scheint in jedem Falle eine gute Idee, einen Sommer mit Temperaturen bis zu 50 Grad an einem Ort nahe am Meer zu verbringen. Die Hitze hier in Sevilla, darin sind sich alle einig, ist im Hochsommer unerträglich. Das einzig sinnvolle, das man machen kann, ist eine Siesta. Und so flüchte ich mich, bevor das Temperaturinferno richtig losgeht, und verlasse den Ort, dem ich so viele Erinnerungen und Erfahrungen verdanke, um mich erneut an einem völlig fremden Ort einzuleben. Klar ist nur - mein letzter Aufenthalt in Sevilla war das nicht.
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