Donnerstag, 30. Mai 2013

"Warte, luege, lose, loufe"

Als ich am letzten Wochenende in Granada eine Strasse bei Grün überquerte, merkte ich sehr schnell, dass der Motorradfahrer, der auf der Strasse gefahren kam, nicht anhalten würde. Ich blieb stehen und liess ihn bei Rot durchrasen. Ich schüttelte den Kopf und wollte das gerade kommentieren, als der Knall folgte. Irgendetwas hatte des Fahrers Reise unsanft beendet.
"Typisch", schiesst es vielleicht manchen durch den Kopf. Wie die fahren, "die im Süden", das wissen wir ja schon lange. Und es ist vielleicht ein bisschen wahr, gewisse Dinge funktionieren im iberischen Strassenverkehr etwas anders als im helvetischen.
Ich erinnere mich an den ersten Tag in Sevilla, als mich ein Taxi zum Hostal brachte. Er fuhr sicher, so weit ich es beurteilen konnte korrekt und konstant mindestens 15 Stundenkilometer zu schnell, oft auch mehr. Allerdings fügte er sich damit wunderbar in den Gesamtfluss ein. Bei einer Autobahneinfahrt erbarmte er sich wenigstens, von 120 auf 100 zu verlangsamen - die angezeigten 80 wären wohl zu viel verlangt gewesen.
Sich in der Altstadt Sevillas zu bewegen ist prinzipiell ungefährlich, allerdings sei dem Touristen geraten, die Ohren gespitzt zu halten. Wenn auch Autos nicht in jeder Gasse fahren können - nicht, dass sie es nicht ausreizen würden bis zum Letzten - Vespas können das sehr gut. Ich war mehr als einmal froh, dass die Dinger so einen Lärm machen. Es ist generell gut, an unübersichtlichen Stellen mit einem Fahrzeug zu rechnen.
Was die Fussgängerampeln betrifft, so sind sie wohl mehr zur Unterhaltung der Fussgänger aufgestellt als dass sie wirklich den Verkehr regeln würden. Bei einigen Exemplaren bewegt sich das grüne Männchen, andere zeigen dem Wartenden die verbleibende Zeit in Sekunden an, und wenn die Ampel dann auf Grün stellt, ertönt ein nervtötendes Geräusch, als ob sich eine Horde Schulkinder eine Schiesserei mit Spielzeuglaserpistolen bieten würden. Man fühlt sich an die alten Star Wars Filme erinnert. Prinzipiell überquert man eine Strasse aber dann, wenn kein Auto über die Kreuzung fährt.
Interessant ist das Verhalten der Autofahrer zu beobachten, wenn ihre Ampel von Grün auf Orange wechselt. Ich lernte einst, dass man in solchen Situationen nach Möglichkeit anhält. Das ist Blödsinn, wie ich hier erfahren habe. Orange heisst nicht bremsen, sondern rausholen, was die Karre hergibt. Es ist ein Wettrennen gegen das Lichtsignal, und wenn man es verliert - das nächste wartet bestimmt schon.
Vom Stress auf der Strasse ist auf einem Fussgängerweg hingegen gar nichts zu spüren. Da nimmt es der Sevillaner gemütlich, er bewegt sich dann gerne mit drei oder vier Kollegen in einer Linie quer übers Trottoir, so dass dem Schüler, der wieder einmal etwas knapp dran ist, nichts übrigbleibt, als ein Überholmanöver zu starten und damit einen Velofahrer zu verärgern, der natürlich umgehend empört die Klingel betätigt.
Klingel und Hupe - die wichtigsten Bestandteile eines spanischen Fahrzeugs. Wären die Sevillaner so schnell beim Bremsen wie beim Hupen, die Unfallrate wäre tiefer. Eine Sekunde Verzögerung wenn die Ampel auf Grün wechselt, und der Autofahrer hinter dir wird dich mit Freude darauf hinweisen, dass du jetzt fahren kannst. Das Hupgeräusch ist fester Bestandteil der Akustik in Sevilla: Ob kurz und knapp, lange und empört oder zwei, dreimal aufeinanderfolgend - der Autofahrer ist kreativ.
Und damit die Sache sicher nicht zu einfach wird, begegnen einem ab und an Pferdekutschen, in denen Touristen sich die Stadt auf die einfachstmögliche Weise ansehen. Die Kutschfahrer erklären ihren Kunden dabei meist irgendwelche Dinge, der Verkehr wird dabei mehr oder weniger beachtet. Was so ein Kutscher allerdings macht, wenn er auf eine orange Ampel zufährt - das habe ich bisher noch nicht herausgefunden.

Donnerstag, 23. Mai 2013

Kulinarisches

Natürlich ist es fast eine Pflicht, wenigstens einmal auch von den Essensgewohnheiten zu berichten, wenn man sich in einem fremden Land befindet. Gerade Länder, die nahe am Meer liegen, haben eine etwas andere Küche zu bieten als Mitteleuropa.
Die Mahlzeiten in Spanien sind total verschieden von den Mahlzeiten in der Schweiz. Zum Morgenessen erwarten einen Muffins, Kekse, Kuchen und Magdalenas, wenigstens noch etwas Toast, Kaffee und Milch. Dann allerdings vergeht einige Zeit, bis zum nächsten Happen. Das Mittagessen wird in Spanien erst nach 15:00 eingenommen, fällt dafür in der Regel auch ziemlich reichlich aus. Das Abendessen bekommt man frühestens um 21:00, gewisse Familien pflegen sogar, bis 22:30 zu warten. Die langen Zeiten überbrückt man individuell mit Snacks, da sind die Spanier nicht anders als die Mitteleuropäer.
Ein jedes Land hat Spezialitäten, die Ausländern vielleicht etwas seltsam vorkommen. Auf die französischen Froschbeine gehen wir nun nicht weiter ein, und ich wurde schon gefragt, ob das Essen von Zunge in der Schweiz üblich sei. Nun ja, immerhin mal was anderes als die ewigen Uhren, Käse und Schokoladen. Auch hierzulande bieten die Restaurants gewisse Speisen an, die mir auf den ersten Blick etwas speziell vorgekommen sind. Ein Beispiel sind "caracoles", oder zu gut Deutsch - Schnecken.
Was nun das Essen von Schnecken anbetrifft, so scheiden sich auch hierzulande die Geister. Es gibt Leute, die das nicht ausprobieren würden. Allerdings, so habe ich bemerkt, darf man sich von der Rohkonsistenz nicht abschrecken lassen - eine Forelle ist auch nicht sehr appetitlich anzufassen, wenn sie noch nicht verarbeitet wurde.
Caracoles können verschieden zubereitet werden. Meine wurden gekocht und anschliessend in einer kleinen Schüssel voll Öl serviert. Um den würzigen Geschmack der kleinen Dinger zu geniessen, muss man sie allerdings erst aus dem Häuschen holen. Mit Zahnstochern lassen sie sich relativ gut aufspiessen und rausziehen. Als Tapa, als Appetithäppchen, sind sie ideal (vorausgesetzt, dir vergeht von Schnecken nicht generell der Appetit), denn richtig satt machen sie nicht und zuviel willst du davon ohnehin nicht essen. An den (zugegeben nicht zahlreichen) Orten, wo sie serviert werden, bekommt man sie zudem oft als Kombiangebot mit einem Bier.
Ein beliebtes Fleisch in Sevilla ist Stierfleisch, und speziell bekannt der "cola del toro", also der Schwanz. Wer sich von der Schwanzform abschrecken lässt, kann auch die "croquetas" probieren. In Sevilla gibt es zudem zahlreiche Variationen von Hamurgern: Stierfleisch, Kängurufleisch oder Thunfisch sind nur gerade drei, die ich gesehen habe - einige Restaurants sind da sehr kreativ.
Pflicht während einem Spanienbesuch ist selbstverständlich die berühmte Paella, allerdings gibt es die in so vielen Variationen, dass man etwas aufpassen muss, wo man sie isst. Will man aber eine richtig spanische Paella geniessen, so darf man sich zumindest von Meerestieren nicht abschrecken lassen, sie sind normalerweise Bestandteil dieses Reisgerichts. Es gibt sie aber auch in vegetarischer Form oder mit verschiedenen Sorten Fleisch.
Und wenn einem die spanische Küche dann wirklich gar nicht behagt, dann muss man meistens nicht weit laufen, bis einem das weltbekannte, goldene M oder der freundlich lächelnde Mann aus Kentucky, der mit den Hühnern, entgegenstrahlen. Man ist ja schliesslich international.

Donnerstag, 16. Mai 2013

The rain in spain...

... does not mainly stay in the plain, wie uns ein Blumenmädchen einst weismachen wollte. Tatsächlich fällt er grösstenteils in den Bergen im Norden. Und doch kann es sein, dass sich ab und zu eine dickere Front über Andalusien breitmacht, nicht vergleichbar mit den süssen Schäfchenwolken, die wir uns schon lange gewohnt sind und die den Himmel am Abend ohnehin noch schöner erscheinen lassen. Nein, ab und zu zeigt sich die Meteorologie von ihrer kreativen Seite. Dann sinken die Temperaturen tagsüber unter 30 Grad (Luxus!), in der Nacht sogar bis auf 12 Grad (für Sevillos ein relativer Nordpol). Die Platzregen sind einigermassen heftig und werden von unangenehmen Winden begleitet. Die spanische Übersetzung des bekannten Liedes weiter oben: "La lluvia in Sevilla es una maravilla" (zu Deutsch: Der Regen in Sevilla ist ein Wunder) bezieht sich wohl mehr auf die Seltenheit der Regenfälle, als dass er in seiner Art wunderbar wäre. Er fühlt sich sogar ziemlich genau gleich an wie sein Schweizer Pendant.
Die Provinz Sevilla hat mit einer ernsten und vor allen Dingen immer ernster werdenden Wasserknappheit zu kämpfen. Die Wasserversorgung wird durch Stauseen bereitgestellt, welche aber immer weniger Wasser tragen - eine Kehrseite des endlosen Sommers in Südspanien. Den Mitteleuropäer mag es zuweilen verwundern, dass Wasser an teilweise absurden Orten Verwendung findet. So passiert es beispielsweise nicht selten, dass man an einem Hotel vorbeiläuft und ein feiner Nieselregen, versprüht von winzigen Düsen über den Köpfen der Passanten, einen etwas abkühlt. So gelegen solche Situationen bei den hiesigen Temperaturen auch kommen mögen, man fragt sich trotzdem, ob diese "Dienstleistungen" tatsächlich nötig sind. Die "Alameda de Hercules", bei Tag ein wunderschöner, lang gezogener Platz, ideal um spazieren zu gehen, seine Kinder austoben zu lassen oder Frisbee und Fussball zu spielen, und in der Nacht eine der besten Ausgehmöglichkeiten Sevillas, diese Alameda hat an mehreren Stellen kleine, düsengespickte Anlagen, die einen sanften Nebel erzeugen und Kindern wie Kindergebliebenen gleichermassen Freude bereiten. Der Wasserverbrauch ist enorm.
Daher sollte Regen hier auch ein bisschen willkommen sein, aber die Sevillos bevorzugen die Saisons, die sie gewohnt sind und für die sie bekannt sind - Sonnenschein, begleitet von einer unheimlich drückenden Hitze. Sie beklagen sich lieber über Schweiss als über Regentropfen.
Das Trinkwasser ist eine Sache für sich. Die geruch- und geschmacklose Flüssigkeit von zuhause hat mit dem hiesigen Wasser nicht viel zu tun. Allerdings schmeckt der zweite Schluck jeweils schon bedeutend weniger nach Chlor.

Freitag, 10. Mai 2013

Biblische Verhältnisse

Und er sprach: "Auf, steigen wir hinab und verwirren dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht" (Gen 11,7)

Könnte sein, dass es sich manchmal ganz ähnlich anhört, wie damals beim Turmbau zu Babel, wenn eine Gruppe von Studenten meiner Schule zusammen ausgeht. Da hast du rechts die Holländer, die fliessend zwischen Englisch und "Dötsch", wie sie es so schön nennen, abwechseln, daneben die Deutschen, weiter die Franzosen, die in ihrem Wahnsinnstempo untereinander parlieren, zwei Engländerinnen im schönsten und breitesten "British English" und die beiden Schweizer. Je nach dem, wer sich gerade mit wem unterhält, wird die Sprache gewechselt - die Motivierten unter uns versuchen es mit Spanisch und korrigieren sich gegenseitig, während vor allem die Jüngeren ihre Muttersprache bevorzugen.
Unter diesen Voraussetzungen lerne ich nicht nur Spanisch, sondern verbessere mein Englisch, nutze ab und zu meine kargen Französischkenntnisse (dann waren die vielen Stunden über 8 Jahre wenigstens nicht komplett verschwendet) und kann auch ab und zu Deutsch reden. Es ist von Vorteil, wenn man über wenig Vokabular verfügt, in eine andere Sprache ausweichen zu können, aber der ständige - zum Teil sehr fliessend ablaufende - Wechsel kann auch verwirren. Eine Kollegin musste mich jedenfalls darauf aufmerksam machen, dass ich mit einer Französin Deutsch anstatt Englisch gesprochen hatte - offenbar hatte ich mitten im Satz die Sprache gewechselt, ohne es zu bemerken.
Die Lehrer machen einen sehr guten Job an der Schule, der Unterricht ist stark auf Kommunikation ausgerichtet. Man versteht nach ein paar Tagen schon einiges und glaubt, einfacheren Gesprächen mindestens folgen zu können.
Dann probiert man es aus.
An der Schule Spanisch zu sprechen, ist anders. Du sprichst mit Studenten, die über einen ähnlichen Wortschatz verfügen, und die Lehrer setzen ein Tempo an, mit dem man umgehen kann. Versuchst du dann, mit einem Andalusier ein paar einfache Worte zu wechseln, ist das zaghaft erworbene Selbstvertrauen dahin. Andalusisch gilt als einer der schwersten spanischen Dialekte. Die Südspanier sind Weltmeister im Verschlucken von Silben, Erfinden von Worten und es scheint, als wollten sie sich gegenseitig in der Sprechgeschwindigket überbieten. Zudem unterscheiden sie nicht zwischen "v" und "b", was den unerfahrenen Zuhörer zwingt, sämtliche Kombinationsmöglichkeiten auszuprobieren: "bibir, vivir, bivir, oder vibir"? Und welche von diesen Wörtern existieren überhaupt??
So kommt man langsam vorwärts, und doch, sieht man einen langen Weg vor sich, bis man in der Lage ist, eine Bar zu betreten und einfach so ein Gespräch zu beginnen. Bis dies der Fall ist, gilt die in Fremdsprachen geläufige Devise: Nicken, lächeln und hoffen, dass es keine "oder-Frage" war.

Montag, 6. Mai 2013

Das "international house"

06. Mai 2013

Obwohl mein erster Schultag vor der Tür steht, schlafe ich gut und habe einen Montagmorgenkoller. Erst im Verlaufe des Morgens wird mir bewusst, dass es heute eigentlich richtig beginnt. Die Stimmung auf der Brücke Richtung Altstadt ist herrlich ruhig - die Stadt ist noch nicht aufgewacht.
Dann stehe ich vor dem "clic - international house" und betrete den Innenhof, der als kleine Cafeteria eingerichtet ist - in der Pause werden die kleinen Tische und Stühle rasend schnell besetzt sein.
Ich erhalte einen Studenten- und Bibliotheksausweis, und dann schickt mich die freundliche Frau in den ersten Stock, um den Einstufungstest zu absolvieren. Das kann ja heiter werden, denke ich mir.
Und das wird es auch. Bei der ersten Frage kann ich mir wenigstens noch erklären, warum ich keine Ahnung habe - die letzte hätte sie auch auf hebräisch formulieren können. Ich bin daher sehr schnell fertig mit dem Test, ein paar der anderen Neulinge scheint das zu irritieren. Aber wenn du bei einem Test wirklich keine Ahnung hast, kannst du ihn auch abgegeben.
Dementsprechend amüsierend verläuft die Korrektion der Prüfung, die ein Spanischlehrer mit mir gleich direkt vornimmt. Sein Gesichtsausdruck weckt Erinnerungen: Dieser kurze Kampf mit der Verzweiflung, gefolgt von Resignation kommt mir aus dem Werkunterricht noch vage bekannt vor. Den mündlichen Teil der Prüfung, der normalerweise auch gemacht werden muss, überspringt er.
Nun habe ich eine knappe Stunde Zeit, bevor die Führung durch das Haus beginnt. Nach und nach kommen die anderen Studenten, die ebenfalls ihren ersten Tag haben, die Treppe runter, trinken etwas, öffnen ihre Laptops, schnappen sich eine Zeitung oder studieren das Kulturprogramm der Schule, bis es weiter geht.
Das Haus ist nicht sehr gross und daher schnell gezeigt. So können wir uns für die zweite Doppellektion um 11:20 bereits in die Klassen setzen, denen wir zugeteilt werden.
Die Lehrer machen ihre Sache wirklich gut, das merkt man auch an der Motivation der Studenten, und ich verstehe mehr, als ich anhand des Tests erwartet hätte. In den Lektionen und der darauffolgenden Exkursion realisiert man auch, dass das "international house" seinem Namen alle Ehre macht: Man trifft, sieht, hört Japaner, Schweden, Belgier, Franzosen, Amerikaner, Berner, Deutsche, Holländer (Letztere sind meine eindeutigen Favoriten in Sachen plötzliche Erkenntnis von Vokabular: "Nee, e waterpött!!")
Bunt zusammengewürfelte Klassen mit Studenten aus aller Welt - es verspricht, spannend zu werden.

"Informationen aus aller Welt", No.1: In Holland kommt der Samichlaus aus Spanien, und dahin nimmt er auch die bösen Kinder mit.

Sonntag, 5. Mai 2013

La familia

05. Mai 2013

Und dann sind die drei unabhängigen Tage auch schon um. Auschecken, Koffer in die Hand und ab über den Rio Guadalquivir in den Stadtteil Triana, wo ich in den nächsten sechs Wochen wohnen werde. In der Wohnung wird mir schnell klar, dass das Einleben eine kurze Sache wird. "bienvenidos a mi casa, mi casa es tu casa" - Vater Alfredo zeigt mir die Wohnung und überlässt mich dann meinem Zimmer, wo ich die bis zu 250 Jahre alten Möbel mit meinen Utensilien fülle. Mutter Rosa Ana taucht dann gegen 13 Uhr auf - an Sonntagen schlafen die Sevillos gerne etwas länger. Tatsächlich fällt einem ein krasser Unterschied im Vergleich zum Samstag auf, wenn man die Altstadt Sevillas an einem Sonntagmorgen durchquert. Klassische allgemeine Katerstimmung.
Meine Gastfamilie spricht nur Spanisch, was mich zwingt, mich mit sehr viel Kreativität, etwas Lateinkenntnis und vor allem Händen und Füssen zu verständigen. Die beiden jungen Franzosen und die beiden Amerikaner, die etwa so alt sind wie ich, können dann helfen, wenns wirklich nicht mehr geht. Eine sehr internationale Truppe, die da am Mittagstisch sitzt, aber für die Familie ist das normal. Ab nächsten Sonntag beherbergen sie dann einen Italiener.
Meine Gastmutter ist Hausfrau durch und durch, spätestens beim Mittagessen wird das klar. Die vielen sich abwechselnden Gäste machen die Eltern sowieso praktisch zu Hostelbesitzern. Ihre Offenheit, Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft sprechen auf jeden Fall für sich.
Die Siesta verbringen dann alle nach ihrem Gusto - die Eltern und der jüngere Sohn, Alfonso, schauen fern, der ältere Pepe zockt mit den Franzosen Fifa und die Amerikaner erholen sich von ihrem Trip nach Portugal, von dem sie gerade zurückgekommen sind. Gegen Abend verabschieden sich die beiden Söhne, um sich ein Fussballspiel anzuschauen, und als sie wieder zurückkommen, geht's gleich am Fernseher weiter - Barçelona gegen Betis Sevilla. (Für alle, die jetzt reingefallen sind - ein Bekenntnis zu Betis käme einem sozialen Selbstmord gleich. Die zahlreichen Fanartikel des FC Sevilla verhindern da jegliche Missverständnisse.) Der Stellenwert der schönsten Nebensache der Welt ist ohnehin sehr hoch in Spanien, um das festzustellen, reichen ein paar Minuten vor dem Fernseher mit ihnen. Dementsprechend sollte der spanische Stolz in Sachen Sport nicht ausgereizt werden: Einen Hinweis auf das WM-Spiel Schweiz - Spanien im Jahr 2010 quittiert Alfredo, indem er mir fast eine Orange an den Kopf wirft.

Samstag, 4. Mai 2013

Musik und Prozessionen

03. Mai 2013

Als ich um etwa 19:00 meine Unterkunft verlasse, begleiten mich Gitarrenklänge durch die engen Gassen. Keine Ahnung, woher sie kommen, aber das spielt auch keine Rolle. Es fühlt sich an, wie im Film - eine ruhige Flamencomelodie, die mich durch die Altstadt Sevillas begleitet. Sie wird nahtlos von einer ganz anderen Art Musik abgelöst - Blasmusik, unterstrichen von intensiven Trommeln. Natürlich suche ich die Quelle dieser Melodien und finde mich sehr schnell vor der berühmten Kathedrale von Sevilla wieder. Ein kleines Blasorchester bewegt sich langsam um die Ecke und spielt eine melancholische Melodie. Vor ihnen erkennt man einen schwarzen Behälter, der von 4 Kerzen umgeben ist, und noch weiter vorne erhebt sich ein Kreuz in die Höhe. Eine Beerdigung?
"Nein", erfahre ich von einer Frau, die das Geschehen fotografiert hat. "Eine Prozession". Gut, das erkenne ich selber auch. Offensichtlich brauchen die Sevillanos keinen bestimmten Grund, um eine Prozession um die Kathedrale zu veranstalten. Es steht jedenfalls kein spezifisches religiöses Fest auf dem Programm.
Vielleicht ist das für die Gottesdienste dieser Kathedrale auch üblich, denn sie ist ein Wahrzeichen der Stadt. Immerhin ist sie die drittgrösste Kirche der Christenheit, nach dem Petersdom in Rom und der St.Paul's in London - und wenn man mal vor diesem Ding steht, glaubt man das aufs Wort. Den Glockenturm - ursprünglich ein Minarett, das im Laufe der Katholisierung umfunktioniert wurde - sieht und hört man von weit her. Die Kathedrale ist ein gewaltiges Bauwerk, das in ihrer nächtlichen Beleuchtung genauso schön anzusehen ist, wie am Tag, wenn sie von der Sonne bestrahlt wird.
Musik ist allgegenwärtig in Sevilla, seien es kulturelle, religiöse, oder ganz profane Klänge, die einem dann entgegentönen, wenn man an den Ufern des Flusses spaziert, welche abends definitiv den Jungen und den Joggern gehören. Aus Autos und Radios hört man die Lieder, die in jedem Club gespielt werden. Man stösst mit Bier und Schnaps an und geniesst den Abend. Dass sich ein Gewitter anbahnt, stört die Spanier nicht im geringsten.
Die rätselhafteste Prozession begegnet mir in einer kleinen Nebengasse in der Altstadt. Etwa 20 Männer und Frauen tragen im Gleichschritt ein käfigartiges Gebilde mit sich, welches auf dem Deckel mit Steinen beschwert ist.  Ein Mann läuft vor ihnen her und gibt den Trägern, die in ihrem Käfig wie Gefangene wirken, Anweisungen. Was diese Aktion genau bezweckt hat, verstehe ich jetzt noch nicht. Aber alles werde ich in diesem Land wohl nie begreifen können.

"Sinnlos, aber schön zu wissen" No.1: Das alkoholische Getränk Gin und die welsche Stadt Genf in der Schweiz tragen den gleichen spanischen Namen: "ginebra".

Freitag, 3. Mai 2013

Sevilla on my own


Um etwa 14:00 - ziemlich pünktlich - landet das Flugzeug am Flughafen Sevilla und entlässt uns in die Hauptstadt Andalusiens. Schnell wird klar, dass dies nicht einfach irgendeine Stadt ist - Sevilla hat seinen eigenen Charme, seien es die engen Altstadtgässchen, die keinen Zentimeter breiter sind als die Taxis, die drin rumkurven, sei es die beträchtliche Anzahl an Kirchen und nach ihnen benannten Plätzen, die den Unerfahrenen ziemlich verwirren können.
Da ich mich erst am Sonntag mit meiner Gastfamilie treffen kann, lerne ich Sevilla zuerst auf eigene Faust kennen - drei Tage ohne Fremdenführer, Lehrer oder Eltern, die den Weg weisen würden. Sevilla on my own.
Daher laufe ich, als ich mich in meinem kleinen Zimmer einigermassen eingerichtet habe, einfach mal drauflos, durch verwinkelte Gässchen und sehe, wohin der Weg mich führt. Erst als ich auf den Fluss zusteuere, kehre ich um - den zu überqueren ist morgen angesagt.
Es ist unglaublich, an wie viele Sehenswürdigkeiten man heranrennt, wenn man planlos durch eine Stadt zieht.  Pärke, genutzt von jungen Eltern und Sportlern, lange Alleen, von Orangenbäumen gesäumt, und immer wieder steht man vor einem anderen beeindruckenden Bauwerk, dessen Geschichte man anhand von Verzierungen und Mustern vielleicht erahnen könnte. Vielseitig wird sie auf jeden Fall gewesen sein.
Sprachliche Schwierigkeiten zeigen sich momentan noch überall, und ich werde froh sein, wenn ich mich dann einigermassen in Spanisch ausdrücken kann - schon die Suche nach einem Adapter für die Steckdose bringt mich an die kommunikativen Grenzen.
Ins Blaue zu wandern ist einfach, zurückzufinden eine andere Sache. So dauert der Heimweg dann auch einiges länger als geplant, aber auch das ist irgendwann geschafft. Nach kurzer Erholung im Zimmer mache ich mich dann auf, Sevilla von seiner verführerischen Seite auszukundschaften - bei Nacht. 
Und verführerisch ist sie, diese Stadt, und nicht erst ab 22:30, wenn aus jeder Bar lebhaftes Stimmengewirr junger Menschen dringt und man ab und an Strassenmusiker Flamenco spielen hört. Sevillas Plätze und Kirchen in rotes Abendlicht getaucht und rötliche Wolken am Horizont, während unter einem der Fluss hindurchrauscht - in solchen Momenten wird einem bewusst, dass man im Süden angekommen ist.