Sonntag, 11. August 2013

Zum Schluss

Und dann war es auch schon wieder vorbei. Vor genau 101 Tagen verliess ich Genf in Richtung Sevilla, und bereits ist meine Zeit in Cádiz vorüber. Um zu verhindern, dass dieser Eintrag als ermüdende, sentimentale Ode auf Spanien endet, verzichte ich auf eine umfassende Revue, schaue vorwärts und frage: Was bleibt?
Ich wurde gegen Ende des Aufenthalts oft gefragt, ob mich diese Reise verändert habe. Offen gestanden: Keine Ahnung. Sicher habe ich nicht nur Spanisch gelernt, sondern auch Neues über fremde Kulturen, Menschen, Gebräuche. In irgendeiner Weise hat das meine Weltansicht sicher beeinflusst und bereichert. Inwieweit werde ich wohl dann mit der Zeit herausfinden.
Was bleibt? Kontakte in alle Welt, von Amerika bis Japan, von Norwegen bis Spanien. Wie viele Leute ich durch die Sprachschule kennengelernt habe, wird mir immer deutlicher bewusst. Ich hoffe, dass ich von diesen Beziehungen für kommende Reisen profitieren kann. Nebst den vielen Freundschaften, die entstanden sind und diesen Aufenthalt erst zu dem gemacht haben, was er geworden ist, ist es nie schlecht, bekannte Personen in einem fremden Land zu wissen. Denn auch meine Reiselust wurde durch die 14 Wochen hier nicht gestillt, sondern angefacht. Wohin es als nächstes gehen soll, steht noch in den Sternen - zuerst werde ich mich ohnehin zuhause einfinden müssen. Die Essenszeiten, der "ritmo de la noche", der ganz allgemeine Alltag. Kein alltäglicher Strandbesuch mehr, und die Schüpfer Badi wird mir, jetzt wo ich mir etwas Wellengang gewohnt bin, wohl einigermassen lahm vorkommen. Gut, immerhin hat sie im Gegensatz zum Atlantik eine Rutsche und ein Dreimeterbrett.
Und dann bleiben natürlich die unzähligen Erinnerungen, einige festgehalten auf Fotos, die ich wohl mindestens ein halbes Jahr nicht mehr ansehen werde, bis ich dann vielleicht per Zufall auf sie stosse und ein paar Erinnerungslücken schliesse. An die Zeit hier werde ich in den kommenden Wochen noch oft zurückdenken, und ganz vergessen werde ich sie nie.
Doch ist meine Reise mit diesem Eintrag vorüber? Noch nicht ganz, noch erwartet mich mein letztes Abenteuer in Spanien. Am nächsten Mittwoch mache ich mich auf, um alleine - wie ich die Reise startete - die drei grössten Städte Spaniens zu erkunden. Zuerst nach Madrid, von da nach Valencia und am Schluss nach Barcelona wird mich die Reise führen. Von dort aus geht mein Flieger, der mich am 22. August - auf den Tag genau 16 Wochen nach meinem Abflug aus der Schweiz - nach Genf bringen wird.
Und nun bleibt nur noch eines, und das ist der Dank an euch Leser für das Interesse an diesem Blog. Ich hoffe, ich konnte ein paar Erfahrungen vermitteln und vielleicht auch ein bisschen Reiselust wecken. Natürlich haben es längst nicht alle Geschichten und Erlebnisse hierher geschafft, und von der kommenden Woche werde ich gar keine Einträge machen. So freue ich mich darauf, euch bald persönlich wiederzusehen, und zu erfahren, was ich denn so alles verpasst habe, hier im Ausland.
 iMuchas graçias y hasta luego! Nos vemos en Suiza. 

Mittwoch, 31. Juli 2013

Das Land gegenüber

Warum eigentlich nicht?
Warum nicht noch schnell den Kontinent wechseln, das Wochenende in Marokko verbringen, und noch einmal eine völlig neue Gegend erkunden, wenn sich schon die Gelegenheit bietet? Gerade jetzt, wo sich mein Aufenthalt wirklich dem Ende zuneigt, war mir die Abwechslung herzlich willkommen.
Marokko ist so nah von Spanien, und doch zeigen sich die Unterschiede klar. Ein paar Flaggen an Gebäuden zeugen noch von der Zeit, als einige Gebiete Marokkos in spanischer Hand waren, doch die Kultur ist ganz klar die arabische. Die Marokkaner sind stolz auf ihr Land, ihre Geschichte und ihre Kultur, das merkt man bald. So war es unserem Reiseführer auch wichtig, nicht eine total oberflächlich touristische Exkursion zu halten, sondern uns das authentische Marokko zu zeigen. Und Hauptbestandteil dieses Marokkos sind die Märkte.
Wahrlich wie im Film kommt man sich vor, wenn man in den engen Gassen der Altstädte von Tetuan oder Tanger flaniert. Quasi Kopf an Kopf stehen da die Verkäufer und Händler und preisen ihre Waren an. In Tetuan besuchten wir den Markt mit den Lebensmitteln und Esswaren. Interessanter als das Meiste, das da angeboten wird, ist der Geruch. Jede Nase voll enthält andere Noten, wobei man froh ist, wenn Gemüse oder Gewürze Fisch oder Fäkal ablösen. Nicht unbedingt die Adresse, wo man sich die Zutaten fürs Abendessen einkaufen möchte - die unzähligen Katzen, die in den Strassen herumstreunen, bestätigen diesen Eindruck.
Selbstverständlich verkaufen sich an den Märkten nicht nur  Esswaren, viel wichtiger erscheint die Textilindustrie. Die Vielfalt an Schals, Decken, Kleidern, Röcken und Lappen ist unglaublich. Jeder Händler preist seine Ware als die beste und billigste an (alles hausgemacht, selbstverständlich) und versucht, den Touristen in seinen Laden zu locken. Tatsächlich hat es Produkte, die man zumindest als Geschenk gut gebrauchen könnte. Dennoch ist ein bisschen Vorsicht geboten. In einem Laden, in dem die Webmaschine angeberisch im Raum stand, wies der erste der Schal, den ich betrachtete, das Etikett "made in India" auf. Ich hab dann nichts gekauft.
Vielleicht war es ein Vorteil, dass wir das muslimische Land während des Fastenmonats Ramadan besuchten. Die Leute essen und trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts, und viele erschienen mir, als ob sie Energie sparen wollten. Daher waren die meisten Verkäufer auch nicht allzu aufdringlich, jedenfalls nicht, bis es ans Zahlen ging und das obligate Verhandeln um den Preis losging.
Marokko, ist ein schönes Land - was ich gesehen habe, hat mir sehr gefallen. Vor allem war ich ob den vielen Bergen, Wäldern und Grünflächen überrascht. Die Leute geben sich grosse Mühe, die Städte wenigstens oberflächlich gepflegt aussehen zu lassen, und bei der Durchfahrt würde man von der oft mangelnden Hygiene im Innern der Städte nichts merken. Ausserhalb der Städte kann sich zuweilen ein anderes Bild bieten, wie ich spätestens auf der Reise ins Dorf Chefchaouen feststellen musste. Der kleine Ort liegt inmitten einer schönen Berglandschaft, die mich sehr ans Tessin erinnert hat. Umso befremdlicher empfand ich die Wiese, die fast flächendeckend mit Papier-, Plastik- und Abfallsäcken übersät war. Wie der Müll seinen Weg dahin gefunden hat, bleibt mir ein Rätsel.
Ich habe von dem Land nur drei Städte gesehen, die sich auch noch sehr im Norden befanden und daher wohl mehr europäischen Einfluss erlebt haben, als es weiter südlich der Fall gewesen wäre. Dennoch hat mir mein Besuch eine von der unseren sehr verschiedene Kultur näher gebracht, und nicht zum ersten Mal in den letzten 12 Wochen habe ich mir gedacht: "Hier bin ich nicht das letzte Mal gewesen."

Dienstag, 23. Juli 2013

Auf dem Brett

Noch selten hat Versagen so Spass gemacht.
Drei Wochen bleiben mir in Cádiz, bevor ich meine kleine Reise durch Spanien antrete, und dann geht's auch schon wieder nach Hause. In einem Monat bin ich bereits in der Schweiz. Schmerzhaft plötzlich realisiert man, wie wenig Zeit das eigentlich ist. Die Tage verrinnen nicht, sie verfliegen, und Woche für Woche erscheint es unglaubwürdiger, wie schnell alles geht. Damit beginnen die Fragen: Habe ich die Zeit auch angemessen genutzt? Hätte es nicht noch mehr zu sehen, entdecken, erleben gegeben? Habe ich etwas verpasst? An diesem Punkt beginnt sich eine mittelprächtige Midlife-Crisis auszubilden, und die Reaktion liegt auf der Hand: Ich melde mich für irgendein Unterfangen mit offenem Ausgang an, das ich normalerweise wohl überdenken würde. In meinem Fall: Ich nehme Surflektionen.
Die Einführungstheorie ist einleuchtend, allerdings macht der Kursleiter keine Umschweife: "Ihr begreift das hier, wir üben es unten im Sand und ihr könnt es. Ihr macht es im Wasser, und ihr vergesst alles." Top Aussichten sind das ja.
Und nun bekommt das Wort Trockenübung zum ersten Mal in meinem Leben einen Sinn. Bei den Schulturnübungen wie Hochsprung oder Ballwurf fand ich die Wortwahl nie ganz angemessen und im Schwimmunterricht gabs das nicht. Doch jetzt liegst du auf deinem Brett, dein Brett im Sand, und eigentlich ist alles was du tust - aufstehen. Natürlich mit Technik, doch "trocken" hat man die einigermassen schnell raus. Es geht ins Wasser.
Voller Motivation wartet man auf die erste geeignete Welle, die man garantiert verpasst. Beim ersten Versuch bewegt sich mein Brett eigentlich kaum, ich mich dafür schon, allerdings nicht himmelwärts, wie geplant. In die umgekehrte Richtung.
Die Instruktoren geben Tipps, und endlich liege ich auf dem Brett, und die Welle trägt mich mit. Oberkörper hoch, Hintern hoch und Bein aufs Brett, anderes Bein nach vorne, fast ist es da, fast stehe ich, ein bisschen spüre ich schon den Wind im Ha- Wasser.
Überall, in den Augen, Haaren, Ohren, Mund, und wenn du ganz glücklich bist und eingeatmet hast, dringt es dir durch die Nase in den Rachenraum ein, damit du den Salzgeschmack auch sicher nicht mehr wegbekommst. Egal, aufgestanden und auf Position, die nächste Welle kommt schon angerollt. Unzählige Male lande ich im Wasser, aber das ist Teil des Spiels, welches wirklich unterhaltsam ist. Rundum fallen die Anfänger von ihren Brettern, prusten und schnauben wenn sie auftauchen, doch das tut dem Spass absolut keinen Abbruch. Man lernt ja.
Fehler kann man viele machen. Zu langsames Paddeln im Wasser und du wirst überrollt. Zu schnell, da bleibt die arme Welle zurück. Liegst du zu weit vorne auf dem Surfbrett - Tauchgang. Und dann natürlich die verschiedenen Details beim Aufstehen, die dich ständig das Gleichgewicht verlieren lassen.
So geht es Schritt für Schritt voran, irgendwann schaffe ich es, aufzustehen, worauf ich vor lauter Freude das Gleichgewicht verliere. Egal, ein Teilerfolg, so schmeckt das Salzwasser der kommenden Versuche doch gleich viel besser.
So geht es weiter, irgendwann gelingen die ersten zwei Meter, dann vier, und irgendwann hältst du dich - leicht schwankend zwar, aber immerhin - auf dem Brett, bis du praktisch am Ufer bist. Einmal aufgestanden ist es die unzähligen vorangegangenen Stürze wirklich wert und macht Lust auf mehr. Es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ins Wasser aber einige.

Montag, 15. Juli 2013

Klischees - oder Tatsachen?

Wenn man sich einmal die Unterschiede der Spanischen und der Schweizer Mentalitäten etwas genauer anschauen will, dann empfiehlt sich ein Flamenco-Spektakel. Mindestens einmal muss man den Weg in eine der schlecht belüfteten, stickigen und meist überfüllten "Peñas" auf sich nehmen, um die Bailaoren, Cantaoren und Tocaoren - Tänzer, Sänger und Gitarrenspieler - aufspielen zu sehen. Die Musik kann in verschiedenen Variationen erklingen, doch ob laut oder leise, feurig schnell oder beruhigend langsam - stets schwingt der arabische Einfluss mit. Die Gitarrenspieler beeindrucken mit einer Virtuosität, die ich auf einer klassischen Gitarre noch selten gesehen habe, und die Tänzer geben Stepptänze zum Besten, bei denen einem fast schwindlig wird. Die Ausgelassenheit auf der einen, aber auch die Emotionalität auf der anderen Seite, die man in Spanien so häufig antrifft, finden ihren Ausdruck in dieser Musik. Wohl aus diesem Grund ist sie flächendeckend so populär - die Leute erkennen sich wieder.
Die Flamenco-Abende sind von Improvisation und Spontanität geprägt. Es gibt Shows, bei denen die Sänger alles improvisieren, und nicht selten steigen nach der offiziellen Show Bekannte der Künstler auf die Bühne, und zusammen bringen sie eine Zugabe. Vom 3-jährigen Kind bis zum 60-jährigen Onkel habe ich dabei schon alles gesehen.
Mindestens ebenso wichtig für das Erlebnis ist das Publikum. Zwischenrufe (ique guapa!), Pfeifen, Klatschen (manchmal sogar im Rhythmus - etwas, das aber einzig und allein Spaniern vorbehalten ist), gehören dazu. Die Stimmung ist so einzigartig ausgelassen - man spürt den Lebensstil der Leute.
Sie tragen ihn auch gerne nach draussen. Gesang, Klatschen und Gitarrenspiel sind bei weitem nicht nur den Peñas vorbehalten. Am Strand geschieht es oft, dass eine Gruppe von Freunden oder Familien - meist in feuchtfröhlichem Zustand - ganz spontan eine Improvisation zum Besten geben. Bei den Themen fehlt es dabei nicht an Vielseitigkeit: Die aktuellen politischen Zustände, die letzte durchzechte Nacht oder eine Ode an eine schöne Frau - Kreativität ist gefragt.
Es ist schön, diese Authentizität anzutreffen. Sie zeugt von dem kulturellen Selbstverständnis der Leute hier, und so stereotypisch die Idee der singenden, ausgelassenen und lauten Spanier auch klingen mag - man trifft das oft an. Dass die Spanier ein lautes Volk sind, sagen sie selber, das wird gar nicht erst als Vorurteil gehandelt. Telefongespräche im Bus führt man in einer Lautstärke, die dem interessierten Zuhörer nichts vorenthält. Dem Desinteressierten leider auch nicht. Auch Streitgespräche zwischen Paaren oder Familien sind eigentlich nicht gross Privatsache. Natürlich lässt sich dieser Eindruck nicht auf alle Spanier übertragen, aber wenn man sich die Menschen ein bisschen anschaut, findet man vieles wieder, das man sich schon so vorgestellt hatte. Dies hat natürlich auch seine Kehrseite - beispielsweise die Nachlässigkeit der Leute hier, im Speziellen mit dem Müll, kann das Badeerlebnis im Meer schon ziemlich beeinträchtigen. Woher all die Dinge kommen, die das Meer da manchmal anschwemmt und die definitiv nicht reingehören, darüber streiten sich die Spanier auch. Der beliebte Sündenbock hier sind die Gitanos, die Zigeuner. Vorurteile haben wir wohl alle.




Dienstag, 2. Juli 2013

Was da steht

Am ersten Tage tropfte es nur leicht von der Decke. Die Professoren von Clic stellten einen Eimer drunter, riefen den Klempner und gut wars. Am zweiten Tage hiess es, das WC im oberen Stock könne nicht mehr benutzt werden. Dies bezweifelte spätestens dann niemand mehr, als der halbe Flur überflutet war - Geruchserlebnis selbstverständlich mitgeliefert. Wer nicht im Klassenzimmer sass, griff zum Wischmob und versuchte, die wachsende Pfütze einzudämmen. Im unteren Stock bot sich das gleiche Bild, und momentan klafft ein grosses Loch in der Decke. Die Nachmittagslektionen fanden an diesem Freitag in einer Bar statt.
Dies war Ende letzter Woche, und als ich heute die Schule betrat, bot sich mir erneut das gleiche Bild. Das Haus, in dem die Sprachschule untergebracht ist, ist nicht in bestem Zustand. Selbstverständlich ist es in guter Gesellschaft - die besten und stabilsten Bauwerke in Cádiz sind wohl die Kathedrale und die über 500 Jahre alten Türme. Was der Bauboom in den Jahren vor der Krise aus dem Boden gestampft hat, ist entweder schlecht konstruiert, hässlich oder beides. Ein Bild, das sich nicht wahnsinnig ändert, ob man sich jetzt am Mittelmeer oder an der Atlantikküste befindet. Andalusien ist von billigen Bauwerken durchzogen.
Natürlich ist das Teil des Spiels. Ich erwarte von einem Block in der Innenstadt von Cádiz keine blanke Fassade - und doch lässt die Vernachlässigung einiger Gebäude auf den Grundtenor schliessen: Solange es nicht zusammenkracht, funktionierts auch.
Dass die Krise einigermassen plötzlich kam, ist leicht zu erkennen. Bei einem Rundgang durch Cádiz trifft man auf grosse Löcher, die ursprünglich für ein Bauvorhaben aufgerissen worden waren, das in nächster Zeit wohl nicht fertiggestellt wird, auf Anzeigen, die Spitäler und andere Bauwerke versprechen, und mein Favorit ist die angefangene Brücke.
Die Idee war, nebst der natürlichen Landverbindung und der Autobrücke eine dritte Verbindung zum Festland herzustellen, um etwas gegen den täglichen Stau zu unternehmen. Auch dieses Projekt wurde von der Krise überrascht: Die Pfeiler stehen im Wasser, und vielleicht hundert Meter Brücke ragen in die Luft. Niemand weiss, wann das Ding je fertig wird.
In der Altstadt steht eine grosse Mauer nahe der Kathedrale wo im Moment Ausgrabungen getätigt werden. Man hat Überreste eines uralten römischen Kolosseums gefunden, wahrscheinlich eines der ältesten überhaupt. Doch auch hier dieselbe Geschichte: Die wenigen Bauarbeiter, die da graben, kommen natürlich nicht so schnell vorwärts wie dazumal, als sie noch mehr Kollegen hatten. Die Wirtschaftslage visualisiert sich in dem Erscheinungsbild dieses Landes, dieses Ortes - und so hübsch sie insgesamt ist, momentan weist die "Stadt, die lächelt" einige Zahnlücken auf.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Land in der Krise

Man könnte sie beneiden, die Spanier - und die Gaditanos speziell. Praktisch jeden Tag Sonne, wunderbare Strände und den grossen Swimming-Pool praktisch vor der Hütte. Es wäre ein wunderbares Leben, wäre da nicht die Wirtschaft.
Als Tourist kommt man hierher, bleibt eine, zwei oder auch drei Wochen, deponiert eine Menge Geld und geht wieder. Man will abschalten und seine Ruhe, den Strand und das Meer geniessen. Der Blick auf die Gesellschaft, in deren Land man sich gerade aufhält, ist dabei nicht unbedingt wichtig. Verbringt man aber mehr Zeit in einem Land, dann geht man auch mit der Erwartung ran, einen etwas tieferen Einblick in die Verhältnisse der Menschen zu bekommen. Und je länger man hier ist, desto mehr Dinge fallen einem auf.
Auf den ersten Blick hatte ich nicht den Eindruck, mich in dem Land mit der höchsten Arbeitslosigkeitsquote in Europa aufzuhalten. Natürlich, man sah und sieht Bettler auf den Strassen, und die Anzahl Strassenmusker ist speziell in Sevilla überdurchschnittlich hoch, aber die Leute sind fröhlich, die Stimmung ist ausgelassen - das Volk wirkt zufrieden.
Und doch realisiert man an einem Punkt, dass da sehr viele Wohnungen verkauft oder vermietet werden.  Dass der Grund für die vielen Jugendlichen an der Alameda de Hercules oder am Playa de Victoria wohl der ist, dass sie keine Arbeit haben. Dass der Bettler, der auf seiner Decke sitzt, die Nacht wohl am genau gleichen Ort verbringen wird. Es ist mir auch mehrmals passiert, dass ich mir einen anderen Geldautomaten suchen musste, weil vor demjenigen, der sich im Eingangsraum der Bank befindet, Leute schliefen. Am Tag scheint die andalusische Welt in Ordnung, gerade wenn man sich eher an den touristischen Orten aufhält - und in Cádiz ist praktisch alles touristisch. Hier sind die Leute darauf bedacht, alles im besten Licht darzustellen. In der Nacht allerdings kann man häufig die andere Seite erkennen.
Die Leute haben kein Geld, das ist der Tenor, ganz egal, mit wem man spricht. Der Staat kürzt wo er kann, und wer Arbeit hat, kann sich glücklich schätzen. Dementsprechend pessimistisch ist die Perspektive der Jugendlichen, praktisch niemand gedenkt, im Heimatland zu bleiben. Im Gespräch mit Studenten tönt es praktisch unisono: "Ich studiere, damit ich im Ausland arbeiten kann". Der Zulauf von Spaniern an Sprachschulen ist enorm. Meine Schule bietet nebst Spanisch Kurse in Englisch, Deutsch und Französisch an - in Sevilla kommen noch mehr Sprachen dazu. Und sie sind gut besucht, von Kindern, die kaum dem Vorschulalter entwachsen zu sein scheinen bis hin zu Erwachsenen im fortgeschrittenen Alter - der Druck, mindestens eine Fremdsprache zu beherrschen, am besten noch mehr, scheint zuzunehmen.
Mit der Krise kommt auch die Kreativität. In kleinen Dörfern existieren Tauschmodi, die nicht mehr mit Geld, sondern mit anderen, abstrakten Werten funktionieren. Die Idee ist, dass man Dienste anbietet - beispielsweise Nachhilfeunterricht, Yogakurse - halt, worin man gut ist - und sich dafür nicht mit Geld, sondern in der abstrakten Währung bezahlen lässt. Für diese Summe kann man sich dann eine andere Dienstleistung "kaufen". Und das System scheint zu funktionieren, darüber hinaus sagt man sogar, dass es den sozialen Zusammenhalt fördere, weil jeder so einen Teil zum Leben in der Gesellschaft beiträgt. Sehr hoffnungsvoll klingen die Leute nicht, wenn von Wirtschaft die Rede ist - aber die Spanier sind ein Volk, das sich zu helfen weiss.

Dienstag, 18. Juni 2013

Ein neues Kapitel

Nach dem Verabschieden mache ich mich am Sonntag auf den Weg und verlasse das Haus meiner Familie genau gleich bepackt, wie ich vor 6 Wochen angekommen bin. Ich fühle mich wieder am gleichen Punkt - auf der Schwelle zu etwas Neuem und ohne Ahnung, was da kommt. Und so steige ich, mit dem Versuch, keine Erwartungen zu hegen sondern mich überraschen zu lassen, in den Zug, der mich durch die vielseitige andalusische Landschaft nach Cádiz bringen wird.
Nach etwa 90 Minuten Fahrt taucht das Meer urplötzlich auf, man würde es gar nicht erwarten. Aus einer sanften Kurve heraus erstreckt sich plötzlich das endlos scheinende Wasser vor einem und gibt eine ungefähre Idee, warum Cádiz ein sehr beliebter Ferienort ist - auch unter Andalusiern.
Dann finde ich mich auch schon vor dem Haus meiner zukünftigen Gastfamilie wieder, und schon bald habe ich mein Zimmer bezogen und die Leute kennengelernt. Der andere Student in meiner Wohnung - ein Zuger, so verliere ich mein Schweizerdeutsch sicher nicht - führt mich am Abend durch die Stadt, damit ich einen ersten Eindruck bekomme.
Die kleine Stadt ist eine Halbinsel, auf drei Seiten vom Meer umgeben, und einer der Strände befindet sich direkt vor unserer Haustüre. Natürlich ist das Meer daher eine der wichtigsten "Sehenswürdigkeiten" von Cádiz - obwohl die Einwohner nicht müde werden, zu erwähnen, dass man sich gerade in der ältesten Stadt des Okzidents befindet - anscheinend ist sie über 3000 Jahre alt. Der Sage nach soll sie sogar Herkules selbst gegründet haben - obwohl die andalusischen Städte generell die Tendenz haben, das zu behaupten. Von Sevilla habe ich es auch schon gehört.
Natürlich hat die lange Geschichte Cádiz' Spuren hinterlassen, und auch hier finden sich viele alte Gebäude und Kirchen von verschiedenen Zeitaltern. Allerdings ist es ein relativ kleiner Ort, und man kennt die wichtigen Orte relativ schnell, wie man auch die kulturell wichtigen Plätze schnell kennen wird.
Eine andalusische Stadt gleicht der nächsten - gleich benannte Plätze und Strassen, ähnliche Architektur und die Strassen in den verschiedenen Altstädten sehen sowieso immer gleich aus. Der Vorteil an Cádiz ist, dass du dich immer am Meer orientieren kannst, das du sehr schnell erreichen wirst - egal, in welche Himmelsrichtung du losziehst.
Natürlich sind die Eindrücke von Sevilla noch da, und ein Wechsel wie dieser braucht seine Angewöhnungszeit. Aber spätestens am zweiten Tag, wenn man am Strand liegt, die Sonne und den abkühlenden Wind (der in Sevilla fehlt) geniesst und ein erstes Bad im Meer nimmt, beginnt man zu realisieren, dass es sich hier ebenso gut leben lässt.