Donnerstag, 30. Mai 2013

"Warte, luege, lose, loufe"

Als ich am letzten Wochenende in Granada eine Strasse bei Grün überquerte, merkte ich sehr schnell, dass der Motorradfahrer, der auf der Strasse gefahren kam, nicht anhalten würde. Ich blieb stehen und liess ihn bei Rot durchrasen. Ich schüttelte den Kopf und wollte das gerade kommentieren, als der Knall folgte. Irgendetwas hatte des Fahrers Reise unsanft beendet.
"Typisch", schiesst es vielleicht manchen durch den Kopf. Wie die fahren, "die im Süden", das wissen wir ja schon lange. Und es ist vielleicht ein bisschen wahr, gewisse Dinge funktionieren im iberischen Strassenverkehr etwas anders als im helvetischen.
Ich erinnere mich an den ersten Tag in Sevilla, als mich ein Taxi zum Hostal brachte. Er fuhr sicher, so weit ich es beurteilen konnte korrekt und konstant mindestens 15 Stundenkilometer zu schnell, oft auch mehr. Allerdings fügte er sich damit wunderbar in den Gesamtfluss ein. Bei einer Autobahneinfahrt erbarmte er sich wenigstens, von 120 auf 100 zu verlangsamen - die angezeigten 80 wären wohl zu viel verlangt gewesen.
Sich in der Altstadt Sevillas zu bewegen ist prinzipiell ungefährlich, allerdings sei dem Touristen geraten, die Ohren gespitzt zu halten. Wenn auch Autos nicht in jeder Gasse fahren können - nicht, dass sie es nicht ausreizen würden bis zum Letzten - Vespas können das sehr gut. Ich war mehr als einmal froh, dass die Dinger so einen Lärm machen. Es ist generell gut, an unübersichtlichen Stellen mit einem Fahrzeug zu rechnen.
Was die Fussgängerampeln betrifft, so sind sie wohl mehr zur Unterhaltung der Fussgänger aufgestellt als dass sie wirklich den Verkehr regeln würden. Bei einigen Exemplaren bewegt sich das grüne Männchen, andere zeigen dem Wartenden die verbleibende Zeit in Sekunden an, und wenn die Ampel dann auf Grün stellt, ertönt ein nervtötendes Geräusch, als ob sich eine Horde Schulkinder eine Schiesserei mit Spielzeuglaserpistolen bieten würden. Man fühlt sich an die alten Star Wars Filme erinnert. Prinzipiell überquert man eine Strasse aber dann, wenn kein Auto über die Kreuzung fährt.
Interessant ist das Verhalten der Autofahrer zu beobachten, wenn ihre Ampel von Grün auf Orange wechselt. Ich lernte einst, dass man in solchen Situationen nach Möglichkeit anhält. Das ist Blödsinn, wie ich hier erfahren habe. Orange heisst nicht bremsen, sondern rausholen, was die Karre hergibt. Es ist ein Wettrennen gegen das Lichtsignal, und wenn man es verliert - das nächste wartet bestimmt schon.
Vom Stress auf der Strasse ist auf einem Fussgängerweg hingegen gar nichts zu spüren. Da nimmt es der Sevillaner gemütlich, er bewegt sich dann gerne mit drei oder vier Kollegen in einer Linie quer übers Trottoir, so dass dem Schüler, der wieder einmal etwas knapp dran ist, nichts übrigbleibt, als ein Überholmanöver zu starten und damit einen Velofahrer zu verärgern, der natürlich umgehend empört die Klingel betätigt.
Klingel und Hupe - die wichtigsten Bestandteile eines spanischen Fahrzeugs. Wären die Sevillaner so schnell beim Bremsen wie beim Hupen, die Unfallrate wäre tiefer. Eine Sekunde Verzögerung wenn die Ampel auf Grün wechselt, und der Autofahrer hinter dir wird dich mit Freude darauf hinweisen, dass du jetzt fahren kannst. Das Hupgeräusch ist fester Bestandteil der Akustik in Sevilla: Ob kurz und knapp, lange und empört oder zwei, dreimal aufeinanderfolgend - der Autofahrer ist kreativ.
Und damit die Sache sicher nicht zu einfach wird, begegnen einem ab und an Pferdekutschen, in denen Touristen sich die Stadt auf die einfachstmögliche Weise ansehen. Die Kutschfahrer erklären ihren Kunden dabei meist irgendwelche Dinge, der Verkehr wird dabei mehr oder weniger beachtet. Was so ein Kutscher allerdings macht, wenn er auf eine orange Ampel zufährt - das habe ich bisher noch nicht herausgefunden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen