Montag, 15. Juli 2013

Klischees - oder Tatsachen?

Wenn man sich einmal die Unterschiede der Spanischen und der Schweizer Mentalitäten etwas genauer anschauen will, dann empfiehlt sich ein Flamenco-Spektakel. Mindestens einmal muss man den Weg in eine der schlecht belüfteten, stickigen und meist überfüllten "Peñas" auf sich nehmen, um die Bailaoren, Cantaoren und Tocaoren - Tänzer, Sänger und Gitarrenspieler - aufspielen zu sehen. Die Musik kann in verschiedenen Variationen erklingen, doch ob laut oder leise, feurig schnell oder beruhigend langsam - stets schwingt der arabische Einfluss mit. Die Gitarrenspieler beeindrucken mit einer Virtuosität, die ich auf einer klassischen Gitarre noch selten gesehen habe, und die Tänzer geben Stepptänze zum Besten, bei denen einem fast schwindlig wird. Die Ausgelassenheit auf der einen, aber auch die Emotionalität auf der anderen Seite, die man in Spanien so häufig antrifft, finden ihren Ausdruck in dieser Musik. Wohl aus diesem Grund ist sie flächendeckend so populär - die Leute erkennen sich wieder.
Die Flamenco-Abende sind von Improvisation und Spontanität geprägt. Es gibt Shows, bei denen die Sänger alles improvisieren, und nicht selten steigen nach der offiziellen Show Bekannte der Künstler auf die Bühne, und zusammen bringen sie eine Zugabe. Vom 3-jährigen Kind bis zum 60-jährigen Onkel habe ich dabei schon alles gesehen.
Mindestens ebenso wichtig für das Erlebnis ist das Publikum. Zwischenrufe (ique guapa!), Pfeifen, Klatschen (manchmal sogar im Rhythmus - etwas, das aber einzig und allein Spaniern vorbehalten ist), gehören dazu. Die Stimmung ist so einzigartig ausgelassen - man spürt den Lebensstil der Leute.
Sie tragen ihn auch gerne nach draussen. Gesang, Klatschen und Gitarrenspiel sind bei weitem nicht nur den Peñas vorbehalten. Am Strand geschieht es oft, dass eine Gruppe von Freunden oder Familien - meist in feuchtfröhlichem Zustand - ganz spontan eine Improvisation zum Besten geben. Bei den Themen fehlt es dabei nicht an Vielseitigkeit: Die aktuellen politischen Zustände, die letzte durchzechte Nacht oder eine Ode an eine schöne Frau - Kreativität ist gefragt.
Es ist schön, diese Authentizität anzutreffen. Sie zeugt von dem kulturellen Selbstverständnis der Leute hier, und so stereotypisch die Idee der singenden, ausgelassenen und lauten Spanier auch klingen mag - man trifft das oft an. Dass die Spanier ein lautes Volk sind, sagen sie selber, das wird gar nicht erst als Vorurteil gehandelt. Telefongespräche im Bus führt man in einer Lautstärke, die dem interessierten Zuhörer nichts vorenthält. Dem Desinteressierten leider auch nicht. Auch Streitgespräche zwischen Paaren oder Familien sind eigentlich nicht gross Privatsache. Natürlich lässt sich dieser Eindruck nicht auf alle Spanier übertragen, aber wenn man sich die Menschen ein bisschen anschaut, findet man vieles wieder, das man sich schon so vorgestellt hatte. Dies hat natürlich auch seine Kehrseite - beispielsweise die Nachlässigkeit der Leute hier, im Speziellen mit dem Müll, kann das Badeerlebnis im Meer schon ziemlich beeinträchtigen. Woher all die Dinge kommen, die das Meer da manchmal anschwemmt und die definitiv nicht reingehören, darüber streiten sich die Spanier auch. Der beliebte Sündenbock hier sind die Gitanos, die Zigeuner. Vorurteile haben wir wohl alle.




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