Dienstag, 23. Juli 2013

Auf dem Brett

Noch selten hat Versagen so Spass gemacht.
Drei Wochen bleiben mir in Cádiz, bevor ich meine kleine Reise durch Spanien antrete, und dann geht's auch schon wieder nach Hause. In einem Monat bin ich bereits in der Schweiz. Schmerzhaft plötzlich realisiert man, wie wenig Zeit das eigentlich ist. Die Tage verrinnen nicht, sie verfliegen, und Woche für Woche erscheint es unglaubwürdiger, wie schnell alles geht. Damit beginnen die Fragen: Habe ich die Zeit auch angemessen genutzt? Hätte es nicht noch mehr zu sehen, entdecken, erleben gegeben? Habe ich etwas verpasst? An diesem Punkt beginnt sich eine mittelprächtige Midlife-Crisis auszubilden, und die Reaktion liegt auf der Hand: Ich melde mich für irgendein Unterfangen mit offenem Ausgang an, das ich normalerweise wohl überdenken würde. In meinem Fall: Ich nehme Surflektionen.
Die Einführungstheorie ist einleuchtend, allerdings macht der Kursleiter keine Umschweife: "Ihr begreift das hier, wir üben es unten im Sand und ihr könnt es. Ihr macht es im Wasser, und ihr vergesst alles." Top Aussichten sind das ja.
Und nun bekommt das Wort Trockenübung zum ersten Mal in meinem Leben einen Sinn. Bei den Schulturnübungen wie Hochsprung oder Ballwurf fand ich die Wortwahl nie ganz angemessen und im Schwimmunterricht gabs das nicht. Doch jetzt liegst du auf deinem Brett, dein Brett im Sand, und eigentlich ist alles was du tust - aufstehen. Natürlich mit Technik, doch "trocken" hat man die einigermassen schnell raus. Es geht ins Wasser.
Voller Motivation wartet man auf die erste geeignete Welle, die man garantiert verpasst. Beim ersten Versuch bewegt sich mein Brett eigentlich kaum, ich mich dafür schon, allerdings nicht himmelwärts, wie geplant. In die umgekehrte Richtung.
Die Instruktoren geben Tipps, und endlich liege ich auf dem Brett, und die Welle trägt mich mit. Oberkörper hoch, Hintern hoch und Bein aufs Brett, anderes Bein nach vorne, fast ist es da, fast stehe ich, ein bisschen spüre ich schon den Wind im Ha- Wasser.
Überall, in den Augen, Haaren, Ohren, Mund, und wenn du ganz glücklich bist und eingeatmet hast, dringt es dir durch die Nase in den Rachenraum ein, damit du den Salzgeschmack auch sicher nicht mehr wegbekommst. Egal, aufgestanden und auf Position, die nächste Welle kommt schon angerollt. Unzählige Male lande ich im Wasser, aber das ist Teil des Spiels, welches wirklich unterhaltsam ist. Rundum fallen die Anfänger von ihren Brettern, prusten und schnauben wenn sie auftauchen, doch das tut dem Spass absolut keinen Abbruch. Man lernt ja.
Fehler kann man viele machen. Zu langsames Paddeln im Wasser und du wirst überrollt. Zu schnell, da bleibt die arme Welle zurück. Liegst du zu weit vorne auf dem Surfbrett - Tauchgang. Und dann natürlich die verschiedenen Details beim Aufstehen, die dich ständig das Gleichgewicht verlieren lassen.
So geht es Schritt für Schritt voran, irgendwann schaffe ich es, aufzustehen, worauf ich vor lauter Freude das Gleichgewicht verliere. Egal, ein Teilerfolg, so schmeckt das Salzwasser der kommenden Versuche doch gleich viel besser.
So geht es weiter, irgendwann gelingen die ersten zwei Meter, dann vier, und irgendwann hältst du dich - leicht schwankend zwar, aber immerhin - auf dem Brett, bis du praktisch am Ufer bist. Einmal aufgestanden ist es die unzähligen vorangegangenen Stürze wirklich wert und macht Lust auf mehr. Es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ins Wasser aber einige.

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